
Urtikaria. Nesselsucht
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„Sie sind eben der Fall, der in keinem dermatologischen Lehrbuch zu finden ist…!“
Wer Frau S. begegnet und das Vergnügen hat, sie näher kennen zu lernen, ist schnell fasziniert. Mit über 80 Jahren arbeitet Frau S. noch für eine Kosmetikfirma und berät Kundinnen, wie sie mehr für Haut tun können. Der Weg dahin erwies sich jedoch alles andere als einfach.
Frau S. wuchs in Mitteldeutschland auf und erlebte als Kind den 2. Weltkrieg, die Trümmerzeit mit entsprechenden Entbehrungen und den Wiederaufbau. Trockene und gerötete Haut kannte sie von klein auf an, vor allem an den Knien und Ellenbogen. Diese Stellen waren einfach da und gehörten zu ihrem Leben dazu. Mit 15 Jahren begann Frau S. dann mit 45 anderen Auszubildenden die von ihr gewünschte Schneiderlehre. Jedoch erwies sich ihre Lehrzeit unerwartet als sehr hautbelastet. Sie vernähte Nachthemdstoffe mit Appretur und entwickelte infolge ein Ekzem an beiden Händen. Die Haut juckte, nässte, schuppte, was das Zeug hielt. Ihre Mutter bestand nun täglich darauf, dass sich Frau S. vor dem Weggehen mit ihren Schwestern eincremen müsste. Ihre Schwestern reagierten ungehalten und ungeduldig.
Familiärer Hintergrund
Viele Monate behandelte Frau S. ihre entzündete Haut an den Händen mit Cortisonsalben, ihre Hände jedoch erholten sich erst, als sie später Blusen aus Stoffen ohne Appretur zu nähen hatte.
Im Rückblick erinnert sich Frau S. an ihren Vater, der im hohen Alter stark an Schuppenflechte litt, und auch an ihre Schwester, die als Erwachsene an Asthma erkrankte. Von Neurodermitis war jedoch nur sie betroffen. Und ihre chronische Hauterkrankung erhielt auch erst in den 80er Jahren den Namen Neurodermitis. Frau S. bekam die Chance, am Heimatort an einer Studie zu Photobalneotherapie teilzunehmen, und spürte eine deutliche Linderung ihrer Symptome. Nach Ende der Studie führte sie diese Therapie selbständig weiter, sie kaufte Totes Meer Salz und badete darin an Tagen im Sommer, an denen die Sonne schien, um dann mit nackter und feuchter Haut im Garten ein Sonnenbad zu nehmen.
Daran gewöhnen?
Etwa 10 Jahre später zeigte sich eine Veränderung ihrer Haut, starke geschuppte Areale traten auf. Frau S. wälzte Bücher, um Antworten zu finden, fand jedoch keine. Ihr Hausarzt beantragte für sie eine stationäre Rehabilitation an der Nordsee. Dort diagnostizierte man eine zusätzliche Schuppenflechte. Man sagte ihr: „Sie sind eben ein Fall, der in keinem Lehrbuch steht. Gewöhnen Sie sich dran.“ Rückblickend schildert Frau S. hätten ihr die Hautschulungen in zwei stationären Rehas sehr geholfen, besser mit ihrer Haut umzugehen. Sie habe das große Glück gehabt, nie im Gesicht von ihren Hauterkrankungen gekennzeichnet gewesen zu sein. Ihre Unterarme und ihren Körper habe sie immer gut verpacken können, als Schneiderin habe sie sich immer sehr modisch kleiden können, auch für das kleine Geld.
In akuten Hautphasen habe sie Cortisonsalben verwenden müssen, geholfen habe zudem vor allem Kälte. Aufgrund von Arthrose wurde sie in einer Klinik in einer Kältekammer behandelt, das sei eine wunderbare Erfahrung gewesen. Sie habe dann fortan zu Hause nie mehr als 18 Grad Raumtemperatur zugelassen, bei Juckreiz kalte Dusche genutzt und juckende Areale mit Kühlakkus beruhigt. Darüber hinaus habe sie Yoga, Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung gelernt, um für mehr Ruhe in ihrem Körper zu sorgen, gerade zu Hause. Auch einen Heimtrainer kaufte sie sich. Und wenn der Juckreiz sie besonders quälte, beschäftigte sie ihre Hände mit einem Kuli oder Handschmeichler.
Gehadert habe sie nie mit ihrer Haut, sie habe von klein auf an damit gelebt und sich kaum Sorgen gemacht. Diese begegneten ihr erst mit Ende 70, als ihre Haut erneut ein neues Bild an den Tag legte mit kleinen entzündeten Stellen. Nun wurde die dritte Hauterkrankung diagnostiziert, Perifollikulitis: „Es sind jetzt eben drei Hautkrankheiten, die Sie im Gepäck haben.“
Mit über 80 Jahren ist Frau S. als chronisch mehrfach erkrankte Hautbetroffene ein weises Vorbild für viele junge Menschen von heute. Aktiv und selbstfürsorglich hat sie immer wieder die Fragen geklärt, die ihre Haut an sie stellte, mit Geduld, Kälte und fachlicher Unterstützung konnte sie so ein Leben leben, das sie auch selbst leben wollte, und das sogar in der Kosmetikbranche.
Dipl.-Psych. Sonja Dargatz
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