Wieso eine eigene „Oase“ so wichtig ist...

07.08.2011Raum für sich
„My home is my castle“ – diesen Spruch kennen Sie bestimmt. Er verweist weniger auf ein Schloss, das Mensch heutzutage so dringend zum Leben braucht, sondern vielmehr auf Raum für sich selbst im Alltag. In einer Welt, die selbst nicht mehr zur Ruhe zu kommen scheint, kommt auch der Mensch immer weniger zur Ruhe und zu sich selbst. Vielmehr rast der Mensch von heute von Termin zu Termin und fragt sich am Abend, wenn er müde ins Bett fällt, was er heute eigentlich für sich getan hat. Meist lautet die persönliche Antwort „Wenig“, „Kaum etwas“ oder „Gar nichts“. Im Termindruck von heute sind auch nach Feierabend noch so viele Dinge zu erledigen, dass das Genießen eines wohligen und „geschützten“ Zuhauses viel zu kurz kommt. Selbst am Wochenende warten Verpflichtungen. Dabei kann selbst ein eng geplanter Freizeit- und Sportplan zur Belastung werden. Aber wann kommt der Mensch von heute eigentlich zur Ruhe? Wann findet er noch Zeit für Mußestunden, Stunden, in denen man einfach einmal dem Nichtstun frönt, in denen man sich innerlich ausgeglichen und entspannt fühlt? Man „soll“ doch schließlich dies und jenes für sich tun, Entspannen, Sport treiben, Zeiten mit dem Partner, der Familie und den Kindern einplanen; dann sind da noch die Hobbies, der Garten und der Familienkreis…

Raum fürs Selbst
Schnell wird deutlich, dass die Übersetzung des erwähnten Spruchs mit „Raum für sich“ zwei Facetten enthält. Raum für sich selbst zu haben, heißt zum einen ein Zuhause für sich zu schaffen, in dem man sich wohl und heimisch fühlen kann, ganz gleich, wie groß oder klein es auch ist, es sollte von Herzen eingerichtet sein und einen Zufluchtsort darstellen, wenn der Tag für einen selbst alles andere als gute Überraschungen parat hielt. Schaffen Sie sich ein Zuhause mit warmen Farben, warmer Beleuchtung und Einrichtungsgegenständen, die Ihnen gefallen. Vielleicht mögen Sie auch Fotos Ihrer Liebsten aufstellen.
Katherine Mansfield hat einmal gesagt: „Ein Haus ist eine Arche, um der Flut zu entrinnen.“ Tagtäglich strömen Fluten von Informationen auf uns ein, wir leben in einer Medienwelt, die uns vorgibt, immer und überall erreichbar sein zu müssen, nichts verpassen zu dürfen und stets up to date zu sein. Müssen wir denn immer so sein, wie es andere vorgeben? Hier geht es nicht um Zeit, um das eigene Ego zu streicheln, hier geht es um Zeit für uns selbst, damit wir gesund und im Gleichgewicht bleiben, damit wir den Ansprüchen, die tagtäglich an uns gestellt werden, überhaupt gerecht werden können. Doch wie soll uns das gelingen, wenn Telefon und Handy ständig klingeln, das Internet lockt und einfach keine Ruhe einkehren will? Entweder selbst Abstand gewinnen oder der Zusammenbruch wird Abstand schaffen – Sie dürfen wählen.

Zeit fürs Selbst
Hier wird die zweite Facette des erwähnten Spruchs mit „Zeit für sich“ deutlich. Denn wenn wir selbst nicht beginnen, uns Zeiten zu genehmigen, die nur für uns selbst reserviert sind, wie wollen wir dann überhaupt Zeit für uns finden. Wie schnell reagieren manche nach Feierabend gereizt gegenüber dem Partner, und das nur aufgrund einer Kleinigkeit? Wie schnell reagieren wir als Eltern nach Feierabend unseren Kindern gegenüber ungeduldig, weil wir selbst müde und erschöpft sind?
Zum Tagesbeginn, cool und gelassen zu reagieren, schafft man in der Regel locker, aber wie sieht`s aus nach einem langen Tag auf den Beinen?
Viele Paare gönnen sich selbst nach dem nach Hause kommen erst einmal eine halbe Stunde für sich allein, bevor sie einander vom Tag erzählen oder gemeinsam Abend essen. Auf diese Weise gelingt es ihnen, mehr von der Arbeit Abstand zu finden und weniger Stress mit nach Hause zu bringen. Auch als Einzelner kann man eine Menge für sich nach dem nach Hause kommen tun: erst einmal ankommen, vielleicht etwas Bequemes anziehen, sich eine gute Tasse Tee gönnen und dabei vielleicht in Ruhe die Post lesen.
Natürlich sieht der Alltag in einer Familie beim nach Hause kommen ganz anders aus, man spricht ja nur allzu gern vom ganz normalen „Wahnsinn“. Doch gerade auch für Kinder ist es wichtig, Rituale im Alltag zu erleben, die auch sie nach Hause und runter kommen lassen. Denn überdreht vom Tage finden Kinder noch weniger den so notwendigen Schlaf in den Abend- und Nachtstunden.
Als Erwachsene gehen wir dabei als Vorbild für unsere Kinder voran.

Termine fürs Selbst
Wir alle haben nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung und hätten gern stattdessen das Doppelte, also 48 Stunden. Umso wichtiger ist es also, die Zeit zu planen, damit wir Raum für uns in unserem Zuhause, unserer Oase, finden. Wenn wir es schon schaffen, ruhiger nach Hause zu kommen und die Dinge, die zu erledigen sind, noch für ein paar Momente liegen zu lassen, um anzukommen, ist schon der erste Schritt getan. Die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter laufen einem schließlich nicht davon, von Notfällen einmal abgesehen. Gerade als Eltern noch Zeit für sich zu finden, will gut geplant sein; und eine Verwöhnaktion für sich selbst, wenn die Kinder bereits schlafen, ist für den Erhalt der eigenen Kräfte durch kaum etwas zu ersetzen: ein heißes Bad, schöne Musik, ein gutes Buch, eine Massage vom Partner… Mit vielen kleinen Dingen zu Hause kann man der hektischen Welt vom Tage den Rücken zukehren… Und gerade dann sollte man auch den Anrufbeantworter nutzen, um auch einen emotionalen Feierabend nach 20 Uhr einzuleiten. Fragen Sie sich einmal, wann Sie das letzte Mal Ihr Handy ausgeschaltet haben. Vermissen Sie nicht diese Ruhe von früher, aus einer Zeit, in der man auch ohne Handy- und Internet-Flatrate leben konnte? Probieren Sie einmal in Ihrer Freizeit, Handy und Internet zur Seite zu schieben. Anfangs mag es Ihnen vielleicht ungewöhnlich vorkommen, aber nach ein paar Stunden werden Sie bemerken, wie auf einmal die Uhren anders zu ticken scheinen, ganz wunderbar. Und gerade aus solchen Momenten schöpfen wir Kraft für den gestressten Alltag von heute.

Raum und Zeit für andere
So wie Sie sich also fragen sollten, wann Sie sich Raum gewähren im Alltag, sollten Sie sich ebenso fragen, wann und wo Sie anderen Raum gewähren wollen. Ein dänisches Sprichwort sagt: „Wenn Raum im Herzen ist, ist auch Raum zu Hause.“ Menschen, die uns nahe stehen, die uns gut tun und denen wir gut tun, finden in der Regel immer einen Platz in unserem Terminkalender und in unserem zu Hause. Bei Treffen mit Bekannten, Kollegen etc. ist es auch eine Idee, sich z.B. in einem Cafe zu treffen. Dort können wir selbst bestimmen, wann wir gehen möchten. Auch Gespräche Zuhause oder in einem Cafe verlaufen deutlich anders.
Wer hat nicht schon erlebt, dass er eine traurige Freundin nicht trösten konnte, die sich immer weiter in ihren Liebeskummer hineinsteigerte? Im einem Cafe hätte man stattdessen die Chance gehabt, sie abzulenken, gemeinsam ein dickes Stück Torte als Trostpflaster zu essen oder der ausufernden Situation auf andere Art und Weise mehr Struktur zu geben.
Selbstfürsorge beginnt also damit, sich darüber klar zu werden, welche Bedürfnisse man hat, auch abhängig von der eigenen Tagesform, um sich und auch anderen gerecht werden zu können.
Denn wenn wir uns selbst überfordern, haben weder wir selbst etwas davon, noch unser Gegenüber. Und so wie wir anderen Dingen Termine im Alltag einräumen, sollten wir auch für uns Termine reservieren. Denn wir sind es uns wert!


Autorin: Dipl. Psych. Sonja Dargatz




Seite weiterempfehlen