Interview mit der Rosazea. Partnersuche

27.11.2019

i-stock Jelena Danilovic„Liebe Rosazea, ich freue mich sehr, dass du dir heute die Zeit genommen hast, um mit mir über ein sehr schönes Thema zu sprechen, die Liebe.“

„Sehr gerne. Ich freue mich, Rosazea Betroffenen heute mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, gerade wenn es darum geht, mit mir als Krankheit im Gepäck ein zufriedeneres Leben führen zu können.“

„Mich sprechen immer wieder Betroffene an, wie schwer es für sie ist, mit der Rosazea im Gepäck überhaupt einen Lebenspartner zu finden. Immer wieder erfahren sie dabei schmerzlichst, vom Gegenüber aufgrund ihrer eben sichtbaren Hauterkrankung abgelehnt zu werden. Auch der Versuch, die Erkrankung zu erklären, trägt dann zumeist zu keiner weiteren Annährerung bei. Diese Ablehnung ist schon alles andere als leicht zu ertragen, schließlich sah man sich einer potentiellen Person gegenüber, von der man sich mehr erhoffte, sich deshalb öffnete und eine sehr verletzliche Seite im eigenen Leben preisgab.“

„Das kann ich sehr gut nachvollziehen, wie schmerzhaft es sein muss, aufgrund von mir abgelehnt zu werden, ich bin einfach schwer zu verbergen, gerade weil ich im Gesicht auftrete. Und niemand möchte sich verbergen müssen, schließlich möchte man doch auch so geliebt werden, wie man ist. Allerdings ist das mit der Liebe eben auch eine wirkliche Herausforderung im Leben, und in den seltensten Fällen liegt es nur an mir.“

„Wie meinst du das genau?“

„Schauen wir doch einmal genauer hin, die Liebe heutzutage ist eine hoch komplexe Angelegenheit, und sie erfordert immer den Mut, sich zu öffnen und ein Risiko in der Begegnung einzugehen. In Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung begegnet man nur selten potentiellen Lebenspartnern im Alltag, zumeist sind die Menschen in ihre Handykommunikation vertieft und mit den Gedanken woanders. Früher lernte man sich zufällig Face to Face kennen und kam einfach erst einmal unverfänglich ins Gespräch. Und zum anderen ist die Liebe in diesen Zeiten auch durch den Shopping-Effekt gefährdet. Gerade die Liebessuche im Internet führt doch dazu, dass man ganze Eigenschaftslisten in sich trägt, die der künftige Partner erfüllen soll. Und kommt es dann tatsächlich zu einer Verabredung, wird gleich erst einmal abgecheckt, wieviel Häkchen das Gegenüber auf der eigenen Liste erfüllt.“

„Und genau hier entsteht das Problem. Man kommt gar nicht mehr einfach mal ganz unverfänglich ins Gespräch, um im Verlauf des Gesprächs Sympathie für das Gegenüber zu entdecken und mehr erfahren zu wollen.“

„Richtig. Und natürlich steht eine sichtbare chronische Hauterkrankung nicht auf der Liste des medial anvisierten Lebenspartners.“

„Irgendwie bekommt das Thema Liebe gerade einen faden Beigeschmack…“

„Ach nein, Liebe ist zu jeder Zeit ein Wagnis. Aber wer nicht wagt, der gewinnt auch nicht. Natürlich gibt es bereits Statistiken darüber, dass sich Lebenspartner über das Internet kennengelernt haben. An dieser Stelle jedoch würde ich auch noch andere Wege empfehlen. Hinter der Suche nach Liebe sollte sich zunächst einmal eine konstruktive Einstellung verbergen. Denn je mehr man sucht, desto unfreier wird man. Und gerade der Zauber von ersten Begegnungen leidet unter dieser hartnäckigen Suche.“

„Und wie sollte man dann „nicht suchen“?“

„Letztlich geht es darum, die Möglichkeiten für unverfängliche Begegnungen im Alltag zu erhöhen, denn mit der Anzahl an Begegnungen steigt auch die Chance, den Richtigen oder die Richtige zu entdecken. Das kann überall sein, im Supermarkt beim Einkaufen, am Arbeitsplatz und vor allem in der Freizeit. Denn über Gespräche, die sich nicht um die Checkliste des perfekten Partners drehen, lernt man sich einfach mal kennen, man spricht über Gott und die Welt, wie man so schön sagt, und ist nicht gleich auf der Pirsch. Auf Geburtstagen, auf Partys oder beim Sport kommt man leicht ins Gespräch. Und um diese Leichtigkeit geht es zu Beginn, denn die Liebe ist ein zartes Pflänzchen und braucht zu Beginn eben diese Art der Begegnung. Wenn man Hobbies nachgeht, sollte man sich auch fragen, ob diese Begegnungen ermöglichen. Beim Angeln zum Beispiel wäre das eben weniger der Fall. Da macht es doch Sinn, neue Hobbies zu entdecken, z.B. Tanzen zu lernen, andere Gemeinschaftssportarten auszuprobieren…“

„Über dich als Krankheit im Gepäck hast du gerade sehr wenig gesprochen. Warum?“

„Das hast du gut beobachtet. Denn meiner Meinung nach hilft es am meisten, einen möglichst natürlichen Umgang mit mir im Gepäck zu finden. Und das heißt für mich, dass ich schlichtweg Nebensache bin. Wenn ich jemanden kennenlerne, sympathisch und interessant finde, will ich gar nicht gleich über mögliche chronische Erkrankungen sprechen. Das hat doch Zeit. Denn irgendwann im Laufe des Lebens bekommen wir alle Erkrankungen, an denen wir leiden. Doch letztlich ist es die Einstellung, wie wir damit umgehen, die unser Gegenüber wahrnimmt. Und es macht eben gar keinen guten Eindruck, gleich von Erkrankungen zu sprechen. Vielmehr beeindruckt es doch das Gegenüber, wenn man fröhlich ist, von Dingen aus dem Leben berichtet, die einen erfüllen und dem Gegenüber Lust darauf machen, einen noch besser kennenzulernen, ganz unabhängig davon, welche chronische Erkrankung im Lebensrucksack mitgetragen wird.“

„Jetzt könnte man fast glauben, dass du der Meinung bist, dass du gar keine Rolle spielst bei der Partnerwahl.“

„Stimmt, weil ich eben auf das Positive im Leben schaue. Aber natürlich spiele ich auch eine Rolle, aber eine Nebenrolle. Liebe hat für mich auch mit Lebenserfahrung und Reife zu tun, ich meine diesbezüglich eine psychische Reife. Denn wenn man während einer Begegnung gleich aufgrund seiner Hauterkrankung abgelehnt wird, würde ich mich fragen, ob mein Gegenüber wirklich reif für eine ernsthafte Beziehung ist. Vielleicht musste das Gegenüber noch keine Stromschnellen im Leben überstehen. Aber ist das dann ein potentiell guter Partner? Wollen wir nicht einen Partner, mit dem wir durch dick und dünn gehen können, ohne die Angst zu haben, gleich verlassen zu werden?!“

„Du sagst es.“

„Und deshalb ist meine Empfehlung, gut zu sich selbst zu sein, sich zu pflegen, sich attraktiv zu kleiden und Begegnungen wahrzunehmen, die im Rahmen von schönen Aktivitäten geschehen. Denn letztlich ist das Schöne an der Liebe, dass man sie nicht planen kann, dass sie einfach kommt und uns überrascht, und dass man sie dann erst einmal wie ein zartes Pflänzchen gedeihen lässt.

„Danke für deine Ideen und Erklärungen.“


Dipl-Psych. Sonja Dargatz
Quelle: ROSAZEA journal. Mitgliederjournal der Deutschen Rosazea Hilfe e.V.





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