Reaktion auf die Diagnose

19.02.2019

Fotolia romankosolapov„Nun nimm doch endlich deine Hautkrankheit an, dein Hadern bringt doch gar nix, ausser dass du deine Lebenszeit verschwendest…!“ Diese Äußerung verdeutlicht, wie schwer es für Außenstehende und nicht Betroffene einer chronischen Hauterkrankung immer wieder nachvollziehbar erscheint, warum Betroffene so mit sich und ihrer verändertern Lebenssituation hadern. Schließlich haben sie doch kein „Damoklesschwert“ über ihrem Kopf.

Nach der Diagnose einer chronischen Hauterkrankung, wie z.B. Rosazea, ist für Betroffene nichts mehr so wie es einmal war. Einige erkranken bereits als junge Erwachsene, viele erst im fortgeschrittenen Lebensalter. Während die jüngeren Erkrankten auf die Hilfe von außen angewiesen sind und im besten Fall noch auf verständnisvolle und fürsorgliche Eltern zählen können, durchlaufen Erwachsene zumeist mehrere Phasen, innerhalb derer sie auf die Diagnose einer chronischen Hauterkrankung reagieren und im Idealfall einen Weg, mit dieser Erkrankung ein lebenswertes Leben zu führen, entdecken.

Phasenhaftes Geschehen

Alexa Franke beschreibt in ihrem Buch „Modelle von Gesundheit und Krankheit“ (2016), dass in verschiedenen Modellen „fünf oder sechs Phasen“ unterschieden werden, innerhalb derer zusammenfassend „die Reaktionen von Menschen nach einer schweren plötzlichen Erkrankung, nach einem Unfall oder der Mitteilung der Diagnose einer chronischen und ggf. lebensbedrohlichen Erkrankung“ deutlich und eingeordnet werden können: Zu Beginn kommt es zu „einer ersten Schock- oder Aufschreiphase“, was mehr als verständlich als hilflose Reaktion zu verstehen ist. Betroffene äußern beispielsweise: „Was geschieht denn jetzt mit mir? Wie geht das weiter? Und kann man mir überhaupt helfen?“
Eltern betroffener Kinder offenbaren: „Wieso mein Kind? Und hilft denn nichts dagegen? Mein Kind soll doch gesund und unbeschwert aufwachsen!“

Anschließen kann sich daran eine Phase der „Verleugnung“. Betroffene können oder wollen in dieser Situation nicht wahrhaben, dass sie von einer chronischen Hauterkrankung „heimgesucht“ wurden und von nun an im Rucksack ihres Lebens mit sich tragen müssen. Man könnte diese Phase auch als eine Zeitspanne umbewerten, die der Betroffene zur weiteren psychologischen Verarbeitung benötigt. Die Verhaltensweisen des Verleugnens können dabei sehr unterschiedlich ausfallen.

Folgen kann dann eine Phase, die durch „Intrusion“ und „Ärger“ gekennzeichnet ist. Der Betroffene leugnet nun nicht mehr, von einer chronischen Hauterkrankung betroffen zu sein, sondern ärgert sich viel mehr darüber, ganz nach dem Motto: „Das kann ja wohl nicht wahr sein.“ Damit reagiert er emotional auf eine unerwartete Veränderung in seinem Leben, die eine Anpassung seinerseits erforderlich macht. Alles Denken zirkuliert in der Regel in dieser Phase um die unwillkommene Erkrankung und potentielle Folgen. Auch diese emotionalen Reaktionen können als eine Form der psychologischen Verarbeitung verstanden werden.

In einem weiteren Schritt kann sich die Phase des „Verhandeln“ anschließen. Der Hautbetroffene sucht nun unterschiedlichste Gesprächspartner, um einen gangbaren Weg mit seiner Erkrankung für sich zu finden. Mit FachärztInnen können Therapien angesprochen und Prognosen abgeschätzt werden. Auf diese Weise versuchen Betroffene, dem unvorhersagbaren Verlauf der Erkrankung entgegen zu wirken. Möglicherweise suchen Betroffene auch das Zwiegespräch „mit Gott und dem eigenen Körper“. Auch damit wird ein weiterer Schritt auf dem Weg der Krankheitsverarbeitung deutlich.

In Folge kann es auch zur Phase des depressiven Reagierens kommen. Betroffene haben möglicherweise damit zu kämpfen, ihren Lebensmut und damit jeglichen Hoffnungsschimmer verloren zu haben. Möglicherweise ziehen sich Betroffene aus sozialen Aktivitäten zurück, was ihr Leiden nur weiter unterstützt. Auch wenn diese Verhaltensweisen mehr als menschlich und damit verständlich zu bewerten sind und ebenfalls als eine Form der Krankheitsverarbeitung verstanden werden können, ist diese Phase dennoch mehr als ernst zu nehmen. Hilfe von außen zur Selbsthilfe der Betroffene erweist sich zumeist als unerläßlich.

Schließlich kommt es zur Phase der „Akzeptanz“ und „Anpassung“, innerhalb derer „es den meisten Menschen gelingt, „ihre“, nun veränderte „Realität letztlich anzunehmen und sich auf ein Leben mit der Krankheit“ einlassen zu können. Betroffene verändern ihre Lebensumstände nun aktiv, um trotz einer chronischen Erkrankung ein lebenswertes Leben in Angriff nehmen zu können.

Der Wert von Phasenmodellen

Für Betroffene und Angehörige von Betroffenen kann es sich mehr als hilfreich erweisen, diese Informationen über Phasen der Krankheitsverarbeitung zu erfahren. Auf diese Weise wird die Selbstreflexion der Betroffenen angeregt und unterstützt, sodass das eigene Verhalten alles andere als merkwürdig eingeordnet wird.
Zu wissen, welche Phasen auftreten können, sorgt zumeist für Erleichterung, sich mehr als verstanden zu fühlen in einer noch unwillkommenen und anhaltenden Lebenssituation. Auch das Wissen, dass „Reaktionsweisen einer früheren Phase“ erneut „auftreten können“, ermöglicht Verständnis für sich selbst auf Seiten der Betroffenen und für das Gegenüber auf Seiten der Angehörigen der Betroffenen.

Letztlich sind die beschriebenen Phasen nicht als streng getrennte Phasen zu verstehen, sondern vielmehr als mehr oder weniger überlappende Abschnitte auf dem Weg zu einem veränderten Leben, das persönliche Geduld und individuelle Anpassung verlangt. Der Schriftsteller Mark Twain brachte es mit seinen folgenden Worten mehr als auf den Punkt: „Man kann nicht erwarten, dass ein rundlicher Mann gleich in ein viereckiges Loch passt. Man muss ihm Zeit geben sich anzupassen.“


Quelle: Alexa Franke, 2016, Modelle von Gesundheit und Krankheit, Huber, Bern.

Autorin: Dipl.Psych. Sonja Dargatz





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