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Stigmatisierungsempfinden, Bewältigungsmechanismen und Zugehörigkeitsgefühl bei Patienten mit Vitiligo

05.06.2008S. Schallmayer *, G. Schmid-Ott **

*  Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie, Medizinische Hochschule Hannover
** Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychiater - Psychoanalyse, Qualitätsmanagement
     Chefarzt der Abteilung Psychosomatik, Berolina Klinik, Löhne

Vitiligo ist eine erworbene Pigmentierungsstörung, von der 0.5% der Weltbevölkerung betroffen sind. Diese chronische Hauterkrankung führt zu weißen Hautstellen, die meist an sichtbaren Stellen wie beispielsweise im Gesicht oder an den Händen auftritt und die nur selten von Juckreiz oder anderen körperlichen Symptomen begleitet wird. Verursacht wird diese Störung durch eine stark verringerte Anzahl funktioneller Melanozyten in der Epidermis. Weshalb es zu diesem Ungleichgewicht der Haut kommt, ist jedoch unklar. Aktuell werden fünf verschiedene Hypothesen zur Entstehung dieser Hauterkrankung untersucht: die multifakorielle, die neurale und die selbst-destruktive Hypothese sowie die polygene Vererbungshypothese und die Autoimmunhypothese. Zudem wird eine mögliche Rolle zytotoxischer T-Zell-Beteiligung diskutiert. Eine Heilung ist bisher nicht möglich, Behandlungen mit topischem Tacrolimus oder Pimecrolimus als auch Langzeit-UVB-Bestrahlung zielen auf eine Re- und Depigmentierung betroffener Hautstellen ab. Weitere Behandlungsziele sind adäquater Sonnenschutz und Möglichkeiten, betroffene Hautstellen abzudecken.

Die kosmetische Entstellung von Betroffenen, unter der Frauen stärker leiden als Männer, ist häufig von schweren psychologischen Einschränkungen begleitet. Vitiligo-Patienten, ähnlich wie Betroffene anderer chronischer Hauterkrankungen, müssen sich mit einer rezidivierenden, lebenslangen und sichtbaren Erkrankung arrangieren, die Einfluss auf die Lebensqualität und –gestaltung der Betroffenen hat. Wenn man insbesondere die Sichtbarkeit der Vitiligo bedenkt, dann erscheint es nachvollziehbar, dass Stigmatisierung ein Teil des täglichen Lebens für Patienten wird. Dies führt häufig zu psychologischem Stress und nicht zuletzt zu Depressionen, da sowohl die Lebensqualität als auch Bewältigungsmechanismen im Umgang mit der Erkrankung eingeschränkt sind.

Die vorliegende Studie (***), durchgeführt im Fachkrankenhaus für Dermatologie Schloss Friedensburg in Leutenberg, Thüringen, untersuchte das Ausmaß an Stigmatisierung, das Vitiligo-Patienten bezüglich ihrer betroffenen Hautstellen empfinden sowie deren Bewältigungsmechanismen. Hierfür wurden 363 Betroffene mit verschiedenen Fragebogen-Instrumenten bezüglich ihrer Erfahrung mit Hautproblemen, Anpassung an die chronische Hauterkrankung sowie Zugehörigkeitsgefühl im sozialen Kontext untersucht. Aus den teilnehmenden Betroffenen wurden zwei repräsentative Patientengruppen zu je 52 Teilnehmern gebildet, die in Bezug auf Alter, Geschlecht und Dauer der Hauterkrankung vergleichbar waren; die eine Gruppe hatte sichtbare, die andere unsichtbare Hautläsionen.

Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Patienten mit sichtbar betroffenen Hautstellen mehr Stigmatisierung durch ihre Umwelt erlebten, als Patienten mit unsichtbaren Läsionen, jedoch zu einem weniger großen Ausmaß, als erwartet. Zudem  zeigte sich, dass in beiden Gruppen das Zugehörigkeitsgefühl gering war, d.h. dass die Hauterkrankung eine psychische Belastung für die Betroffenen darstellt, was sich durch berichtete Symptome wie Angst, Depression oder Stressempfinden ausdrückte. Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass Betroffene aufgrund von Stigmatisierung durch ihre Umwelt, fehlendem Zugehörigkeitsgefühl, geringen Bewältigungsmechanismen und den daraus entstehenden psychischen Beeinträchtigungen eine Tendenz haben, sich sozial zurück zu ziehen und öffentliches Leben sowie bestimmte Kleidung zu meiden. Anhand der Fragebögen wurde auch deutlich, dass Bewältigungsprobleme bezüglich der sichtbar betroffenen Hautstellen und verringerte Lebensqualität als direkte Folgen eines Lebensstils gewertet werden können, der von Rückzug und Vermeidung geprägt ist.

Eine sich daraus ergebende psychosomatische Komponente dieser Hauterkrankung legt nahe, dass eine Verbesserung der Lebensqualität ein bedeutendes Ziel der dermatologischen Behandlung darstellt. Psychosomatische Erkrankungen werden häufig als "erfunden", "verrückt" oder "eingebildet" wahrgenommen, was es Patienten oft erschwert, sich mit ihren psychischen Beeinträchtigungen an ihre Behandler zu wenden. Dies hat zur Folge, dass die körperlichen Symptome stärker fokussiert werden und mögliche psychologische Aspekte wie beispielsweise Depression, Stress oder Stigmatisierungserleben in den Hintergrund treten. Ergebnisse der beschriebenen Studie weisen jedoch darauf hin, dass emotionale Aspekte der Erkrankung angesprochen werden sowie psychologische Maßnahmen Teil der Behandlung sein sollten, um den Patienten einen insgesamt besseren Umgang mit der Erkrankung zu ermöglichen und dadurch die Lebensqualität zu verbessern. Somit liefert die vorliegende Studie neue Informationen, die die Vermutung stützen, dass Stigmatisierungsempfinden und daraus resultierende Konsequenzen bei Vitiligo-Patienten von bedeutender psychologischer Relevanz sind und sowohl in die Behandlung als auch in zukünftige Forschungsprojekte mit einfließen sollten.

(***) Quellenangabe:
Schmid-Ott G, Künsebeck H-W, Jecht E, Shimshoni R, Lazaroff I, Schallmayer S, Calliess IT, Malewski P, Lamprecht F, Götz A. Stigmatization experience, coping and sense of coherence in vitiligo patients. JEADV 2007; 21: 456-461.




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