Gehört werden in der Sprechstunde – Kommunikation stärken bei knapper Zeit
Als chronisch Hauterkrankte kennen Sie das Gefühl nur zu gut: Der Arzttermin ist da, Sie haben viele Fragen, aber schon nach wenigen Minuten scheint die Zeit abzulaufen. Das Gespräch fühlt sich gehetzt an, wichtige Punkte bleiben unbesprochen.
Die Realität des deutschen Gesundheitssystems bringt strukturelle Herausforderungen mit sich. Knapp acht Minuten dauert ein Gespräch im Durchschnitt zwischen Patientin bzw Patient und Ärztin bzw. Arzt in Deutschland. Laut einer Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung fühlen sich 91 % der Vertragsärztinnen und -ärzte im Praxisalltag durch bürokratische Aufgaben überlastet – Zeit, die für Patientengespräche und medizinische Versorgung fehlt. Diese strukturellen Belastungen und die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens führen zu einem Mangel an sprechender Medizin und wirken sich negativ auf die Zufriedenheit aller Beteiligten aus. Denn chronische Hauterkrankungen wie z.B. Neurodermitis haben komplexe Verläufe und erfordern individuell angepasste Therapiekonzepte, regelmäßige Kontrollen und ausführliche Aufklärung über Behandlungsoptionen.
Wenn Zeit knapp ist: Patientenrechte kennen und Anliegen wirksam äußern
Trotz Zeitdruck haben Sie fundamentale Rechte. Das Patientenrechtegesetz garantiert Ihnen umfassende Aufklärung über Diagnose, Therapie und Prognose. Sie haben das Recht auf verständliche Informationen in angemessener Zeit.
Selbstsicher kommunizieren – So gelingt der Praxisbesuch
Vorbereitung ist der Schlüssel: Notieren Sie vor dem Termin Ihre wichtigsten Fragen. Priorisieren Sie: Was ist am dringendsten? Welche Symptome bereiten Ihnen die größten Sorgen? Führen Sie ein Symptomtagebuch. Bei Neurodermitis können Sie beispielsweise Juckreiz-Intensität und Auslöser dokumentieren.
Kommunizieren Sie aktiv: Sprechen Sie zu Beginn des Termins Ihre Hauptanliegen an: "Mir sind heute drei Dinge besonders wichtig..." Nutzen Sie Ich-Botschaften: "Ich bin beunruhigt, weil meine Neurodermitis trotz Behandlung nicht besser wird" statt allgemeiner Aussagen wie "Das ist schlimm."
Nachfragen ist erlaubt: Wenn Sie etwas nicht verstehen, fragen Sie nach. Bitten Sie um schriftliche Informationen oder Empfehlungen für seriöse Internetquellen.
Termine optimal nutzen: Vereinbaren Sie bei komplexen Themen längere Beratungstermine. Diese werden oft als "Terminsprechstunde" statt als offene Sprechstunde angeboten.
Digitale Kommunikation nutzen: Viele Praxen bieten heute verschiedene Kommunikationswege an. Fragen Sie nach, welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Einige Praxen ermöglichen E-Mail-Kontakt für einfache Terminvereinbarungen oder allgemeine Fragen. Bedenken Sie jedoch: Ärztinnen bzw. Ärzte sind nicht verpflichtet, E-Mails zu beantworten, da normale E-Mails aus datenschutzrechtlichen Gründen als unsicher für Gesundheitsdaten gelten. Für medizinische Inhalte sind Telefon oder persönliche Termine der sicherere Weg. Wenn Ihre Praxis E-Mail-Kommunikation anbietet, werden Sie über die Risiken aufgeklärt und können sich nach entsprechender Information damit einverstanden erklären.
Wenn die Zeit trotzdem nicht reicht
Zögern Sie nicht, einen Folgetermin zu vereinbaren, wenn wichtige Punkte offenbleiben. Sagen Sie klar: "Ich habe noch weitere Fragen. Können wir einen Termin für ein ausführlicheres Gespräch vereinbaren?"
Vergessen Sie nicht Ihr Recht auf freie Arztwahl. Wenn Sie sich dauerhaft nicht ausreichend informiert oder betreut fühlen, können Sie die Ärztin wechseln. Bedenken Sie dabei: Der behandelnde Arzt sollte während des Quartals nur aus wichtigem Grund gewechselt werden. Ein gestörtes Vertrauensverhältnis ist ein solcher.
Nutzen Sie auch andere Ressourcen: Qualifizierte Selbsthilfeorganisationen bieten oft Informationsveranstaltungen und Beratung. Selbsthilfegruppen ermöglichen den Austausch mit anderen Betroffenen und vermitteln praktische Erfahrungen. Bei komplexen Krankheitsverläufen können dermatologische Rehabilitationsmaßnahmen umfassende Schulungen und Therapieanpassungen bieten. Viele Krankenkassen bieten Hotlines an, wo medizinisches Fachpersonal telefonisch Auskunft zu Behandlungsmethoden und Medikamenten gibt.
Langfristige Beziehung aufbauen
Eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung entwickelt sich über Zeit. Regelmäßige Termine, auch bei stabiler Erkrankung, helfen beiden Seiten, sich kennenzulernen. Ihre Ärztin bzw. Arzt lernt Ihre individuellen Bedürfnisse besser kennen, Sie entwickeln Vertrauen und Sicherheit im Umgang mit Ihrer Erkrankung.
Fazit: Auch bei knapp bemessener Zeit lohnt es sich, persönliche Anliegen klar zu formulieren. Wer vorbereitet in die Sprechstunde geht und aktiv kommuniziert, trägt zum Behandlungserfolg bei. Fehlt dauerhaft Raum für Kommunikation, ist ein Wechsel des Behandlungsteams erwägenswert – denn ohne Gesprächsraum kein Vertrauen.
Quellen (Auswahl)
• Kassenärztliche Bundesvereinigung (2024): Ambulante Versorgung: Die Zeit für Patientinnen und
Patienten wird immer knapper. Deutsches Ärzteblatt. Online verfügbar unter:
Kurzlink: https://t1p.de/eyjr3 (Zugriff am 16.07.2025)
• Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI): Technische Richtlinie zur elektronischen
Kommunikation zwischen Arzt und Patient
• Patientenrechtegesetz (PatRG) vom 20. Februar 2013
• Kassenärztliche Bundesvereinigung: Statistiken zur vertragsärztlichen Versorgung
• Bundesärztekammer: Leitfaden zur ärztlichen Kommunikation
• Deutsche Dermatologische Gesellschaft: Leitlinien zur Patientenaufklärung
• Ärztezeitung. Deutsche-Aerzte-nehmen-sich-rund-sieben-Minuten-Zeit-pro-Patient
Kurzlink: https://t1p.de/zqntj (Zugriff am 16.07.2025
• KBV.de wie-buerokratie-und-regulierung-den-praxisalltag-belasten https://t1p.de/1d2nl (Zugriff
am 16.07.2025)
• Krankenkassen.de Kurzlink: https://t1p.de/jsrgs (Zugriff am 16.07.2025)





