Baubiologische Aspekte in den eigenen vier Wänden, Teil I Chemie und Farben

22.04.20111
Giftige oder krebserregende Eigenschaften von Chemikalien sind in der Regel gut untersucht. Anders sieht es bei den allergieauslösenden Eigenschaften aus. Bei der Festlegung von Grenzwerten werden Allergiker mit ihrem gestressten Immunsystem nicht wirklich berücksichtigt. Erschwerend kommt hinzu, dass jeder Allergiker eine andere Toleranzschwelle hat, d.h. nicht jeder reagiert gleich auf die jeweiligen Stoffe. Schadstoffmessungen helfen oft nicht weiter, da die Überschreitung eines Grenzwertes nicht die Wechselwirkungen der Schadstoffe auch in geringen Konzentrationen untereinander berücksichtigt.

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Innenräume enthalten bis zu 8000 chemische Verbindungen. Welche Auswirkungen sie auf das Raumklima haben, hängt von der Art und Konzentration des Stoffes ab und ob der Bewohner gesundheitlich vorbelastet ist bzw. wie lange er sich im Raum aufhält. Um Schaden zu verhindern, ist eine sorgfältige Vorgehensweise bei Renovierungen bzw. Neugestaltung unerlässlich. Völlig schadstofffreie Baustoffe gibt es nicht. Naturprodukte sind eine Alternative, aber nicht zwangsläufig besser verträglich.

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Gute Alternativen für den Innenputz sind z.B. Kalkputz (gelöschter Kalk und Wasser) und Lehmputz. Die desinfizierende Wirkung von Kalkputz verhindert Schimmelbildung und ist zudem feuchtigkeitsunempfindlich. Kalkputz ist deshalb ideal für Decken und Wände von Küche, Bad, Keller und Lagerräumen. Allerdings sollte beim Arbeiten mit Kalk unbedingt auf das Tragen von Arbeitshandschuhen und Schutzbrille geachtet werden, da in Verbindung mit Zement eine starke, ätzende Lauge entsteht.

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Lehm wird aus Ton, Sand und Feinstsanden, auch Schluff genannt, hergestellt. Er gilt als ältester Baustoff. Seine hohe Bindekraft kann durch Zugabe von z.B. Zellulose, Stroh o.ä. noch verbessert werden. Lehm ist wasserlöslich und im Außenbereich nur bedingt einsetzbar. In Innräumen aber sorgen Lehmfarben durch feuchtigkeitsregulierende Wirkung für „gute Luft“ z.B. in den Schlafräumen und können außerhalb des Spritzbereichs auch im Bad eingesetzt werden.

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Als Farben und Lacke stehen u.a. zur Verfügung: Naturharz-Dispersionsfarbe, Silikatfarbe, Leimfarbe, Ölfarben, Kaseinfarbe sowie generell  Farben auf Wasserbasis. Tipp: Da auch natürliche Farben ausdünsten, kann man etwas Farbe auf ein Stück Papier geben, dieses in einem verschlossenen Glas 1-2 Tag aufbewahren und dann daran riechen. Bei unangenehmem oder stechendem Geruch wählen Sie besser eine andere Sorte und verlassen sich nicht darauf, dass sich der Geruch schon noch geben wird.

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Dispersionsfarben bestehen aus mindestens zwei Komponenten, als Bindemittel dient meist Latex oder Kunstharz. Die wischfeste Farbe muss zweimal aufgetragen werden, deckt dann aber optimal ab. Dispersionsfarben können in Flur und Küche sowie Keller und Garage verwendet werden.

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Silikatfarben sind Anstrichmittel, die als Bindemittel Kaliwasserglas verwenden. Sie werden vollkommen ohne Kunststoffe, Lösungsmittel oder Konservierungsstoffe hergestellt und verbinden sich unlöslich mit dem Untergrund. Sie können hervorragend auf Putz und Beton aufgetragen werden, aber nur bedingt auf Holz und Metall. Reinsilikat wird fast ausschließlich für Maueranstriche verwendet, weil es sehr hart und völlig wasserfest ist.

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Leimfarbe besteht aus Leim, Kreide und Wasser, als Bindemittel dient Stärke- oder Zelluloseleim. Da Leimfarben immer wasserlöslich sind, eignen sie sich nicht für Bad, Küche oder Keller. Die Farbe ist allerdings wischfest und  wird vornehmlich für Decken, Wände oder Raufasertapeten eingesetzt. Leimfarbe ist gesundheitlich unbedenklich. Sie kann aber nicht überstrichen werden, d.h. sie muss erst abgewaschen werden, bevor neue Farbe aufgetragen werden kann.

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Ölfarben, sogenannte „Naturharzlacke“, bestehen aus Ölen, Wachse und Harze. Sie sind ökologisch unbedenklich, können aber durch den Einsatz von natürlichen Lösungsmitteln wie Zitrusschalenöl für Allergiker ein Problem sein. Alternativ Ölfarben mit synthetischen (Testbenzin) oder natürlichen Lösungsmitteln wie Balsamterpentinöl wählen. Ansonsten den Raum vor Benutzung gründlich auslüften lassen.

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Kaseinfarben bestehen heute aus Magerquark, Marmormehl und Borax, ursprünglich wurden sie aus Kalk und Quark ehrgestellt. Sie sind wischfest und mit einem Leinölanteil auch wasserfest. Ohne den Zusatz von Konservierungsmitteln kommt es leicht zu Schimmelpilzbildung, sie eignen sich deshalb weniger für Küche, Bad und feuchte Keller. Bei einer IgE-vermittelten Kaseinallergie kann eventuell auf  Soja- oder Reisquark ausgewichen werden.

Mehr zum Thema:

Baubiologische Aspekte in den eigenen vier Wänden, Teil II Bodenbeläge aus Holz und Naturstein

Baubiologische Aspekte in den eigenen vier Wänden, Teil III: Wärmedämmung, Teppiche und Möbel

Baubiologische Aspekte in den eigenen vier Wänden, Teil IV: Herstelleradressen und Literaturhinweise


Beratung zu diesem Thema:
www.allergieberatung-stracke.de




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