Allergiekongress 2012 München

03.12.2012Im goldenen Oktober 2012 trafen sich führende Allergieforscher in München, um Ihre Ergebnisse vorzustellen. Einig waren sich Wissenschaftler und praktizierende Ärzte, dass Allergieerkrankungen weiter zunehmen. Als Ursachen werden veränderte Lebensweisen und Umweltbedingungen angesehen. Die Vielfalt der allergischen Auslöser, Symptome und Erkrankungsbilder in den verschiedenen Altersabschnitten fordert Ärzte in ganz Deutschland heraus. Der Vorteil für die Betroffenen ist, dass Allergien als chronische Krankheiten Gegenstand vieler Studien sind. Welche Forschungen für Diagnose und Therapie Allergikern hilfreich sein können, wird sich zeigen. Wir stellen Ihnen eine Übersicht vor.

Unter den gut 1.000 Kongress-Teilnehmern waren Ärzte der Umweltmedizin, Pädiater (Kinderheilkunde), Allergologen, Hautärzte und Internisten. Entsprechend vielfältig waren die Vorträge. Als Tagungspräsidenten wirkten zwei der bekanntesten Vertreter der deutschen Allergologie: Prof. Dr. Carl Peter Bauer, Kinderklinik München-Schwabing und Fachklinik Gaißach und der wissenschaftliche Beirat des DNB  Prof. Dr. Johannes Ring, Haut- und Allergieklinik am Biederstein. Deutsche Allergieforschung hat nicht nur dank dieser beiden Fachleute einen internationalen Spitzenplatz.

Gute Forschung und fehlende Ärzte

Leider stehen diesen wichtigen Forschungsergebnissen immer noch erhebliche Versorgungslücken in den Bundesländern, besonders in dünnbesiedelten Gegenden gegenüber. Was helfen grandiose Ergebnisse an der Charité in Berlin, wenn in Mecklenburg-Vorpommern Ärzte fehlen. Auch solche Fehlentwicklungen wurden auf dem Kongress nicht verschwiegen. Der Allergiekongress wollte bewusst auf die Defizite in der Versorgungslandschaft aufmerksam machen und damit Politik und Bevölkerung aufrütteln. Gleichzeitig wollte der Kongress die wachsenden Möglichkeiten in Vorsorge, Diagnostik und Therapie vorstellen mit der Hoffnung, dass dies allen allergiekranken Patienten zur Verfügung gestellt wird.

Schwerpunkthema waren die  Allergien in den verschiedenen Lebensabschnitten. Je nach Lebensalter gibt es unterschiedliche Erscheinungsbilder allergischer Erkrankungen.  Interessant ist, dass die Symptome stark von biologischen Prozessen in den jeweiligen Lebensabschnitten beeinflusst werden. Der diesjährige Kongress hatte sich auf Erkrankungen der Haut in jedem Lebensalter konzentriert. Glücklicherweise hat die Forschung die letzten Jahre gute Ergebnisse bei der Therapie der schweren Formen der Neurodermitis in allen Altersklassen gemacht. Große Fortschritte haben sich für die psychosomatischen Zusammenhänge und ihren Einfluss auf die Allergieentwicklung und -therapie ergeben.

Allergien im Kindesalter können lebensbedrohlich sein
Nicht nur Neurodermitis ist im Säuglings- und Kleinkindalter besonders ausgeprägt. So weisen Kinderallergologen darauf hin, dass sich das Immunsystem im frühen Kindesalter deutlich von dem eines Erwachsenen unterscheidet. Die Behandlung von Allergien im Kindesalter hat deshalb zum Teil andere Schwerpunkte und wird durch zu wenige kindgerechte Therapiemöglichkeiten erschwert. Leider fehlen oft spezialisierte Kinderallergologen. Aus eigener Erfahrung wissen viele Eltern, dass Allergien bereits im Kindesalter von Neurodermitis über Heuschnupfen und Asthma bis hin zum Allergieschock reichen. Häufig werden Nahrungsmittelallergien hinter den Symptomen vermutet. Heute gehen Wissenschaftler davon aus, dass Nahrungsmittelallergien eher zu oft als Übeltäter verdächtigt werden. Als Folge wird Kindern ohne nachgewiesene Diagnose eine Diät verordnet. Prof. Carl Peter Bauer, Ärztlicher Direktor der Fachklinik Gaißach, warnt besonders vor Diäten, die nicht fachlich begleitet werden, da die Gefahr einer Mangelversorgung droht. Mangelelemente bei einseitigen Diäten sind Calcium und Folsäure. Calciumunterversorgung entsteht durch das Meiden von Kuhmilch und Kuhmilchprodukten. Folsäuremangel tritt bei einseitiger Ernährung mit wenig Vielfalt an Gemüse auf. Beide Stoffe werden besonders im Wachstum gebraucht. Fazit von Prof. Bauer ist, vor der Durchführung einer Diät sollte eine qualifizierte Diagnostik durch den Allergologen erfolgen.
Verständlicherweise ist die Angst vor einem anaphylaktischen Schock (Allergieschock) als schwerstes Symptom einer Nahrungsmittelallergie bei Eltern sehr groß. Die bisher einzige sichere Therapiemaßnahme ist das Meiden des jeweiligen Nahrungsmittels. Da es besonders bei Kindern aber schwierig sein kann, die erforderliche Diät konsequent durchzuführen, ist darüber hinaus die „Notfallapotheke“ eine Absicherung. Die Notfallapotheke besteht aus einer Adrenalinspritze, Cortisontabletten und einem Antihistaminikum. Ihr Einsatz kann erforderlich werden, falls das Nahrungsmittel versehentlich aufgenommen wird und entsprechende Reaktionen eintreten.
Am häufigsten wird ein nahrungsmittelabhängiger Allergieschock durch Nüsse  (z. B. die Erdnuss) im Kindesalter ausgelöst. Hier bietet sich eine neue Therapiemethode an: die sublinguale orale Toleranzinduktion (SOTI). Prof. Kirsten Beyer aus Berlin führt eine Studie mit dieser Methode durch. Dem Kind wird das Nussallergen täglich unter klinischen Bedingungen in steigender Konzentration zugeführt, um so eine Toleranz zu erzeugen. Allerdings muss man beachten, dass es bei dieser Therapie auch zu Allergiesymptomen kommen kann und sie bisher keine Routinemethode für die Kinderarztpraxis darstellt.
Die Hauptsorge bei Insektengiftallergien sind die Bienen- oder Wespenstiche. Liegt bei Kindern eine solche Bienen- oder Wespengiftallergie vor, sind sie von einem lebensgefährlichen Allergieschock bedroht. Prof. Bauer stellte dar, dass nach wie vor  die Hyposensibilisierung die einzige effektive Therapie ist. Bisher wurde sie aus Sicherheitsgründen stationär durchgeführt, das Kind verbachte mindestens eine Woche im Krankenhaus. Durch zusätzliche Therapieoptionen bei den Allergenextrakten ist diese Therapie jetzt auch ambulant möglich. Kindern kann das Krankenhaus erspart werden. Ärzte empfehlen, um einen guten Schutz zu erreichen, sollte die Behandlung bereits im Herbst eines Jahres begonnen werden, damit über den Winter ein ausreichender Schutz für das kommende Jahr aufgebaut wird. Insgesamt dauert diese Hyposensibilisierung mindestens drei Jahre. 

Atopische Erkrankungen bei älteren Menschen
Am anderen Ende des Lebens zeigt sich, dass bei älteren Menschen Allergien immer mehr zunehmen. Auch diese chronischen Erkrankungen müssen altersgerecht behandelt werden. Leider werden allergische Erkrankungen im Alter – da sie nicht vermutet werden – häufig gar nicht erkannt und deshalb unzureichend behandelt werden. Die passenden Therapien werden häufig durch andere alterstypische Erkrankungen, z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen erschwert oder gar verhindert.
Betroffene wissen aus eigener Erfahrung, dass ganz häufig Allergien an der Haut als atopisches Ekzem oft verbunden mit einer Nahrungsmittelallergie schon bei Säuglingen beginnen. Deshalb standen bisher bei atopischen Erkrankungen die Diagnose und Therapie im frühen Säuglings- und Kindesalter im Vordergrund. Mit den Lebensjahren kommen das allergische Asthma und später der Heuschnupfen (allergische Rhinokonjunktivitis, die häufigste Allergie im jungen Erwachsenenalter) hinzu. Bei vielen Patienten klingen die allergischen Erkrankungen mit zunehmendem Lebensalter langsam ab. Damit blieb die Therapie bisher bei Kinder- und Jugendärzten eins der Hauptthemen. Bisher gingen viele Allergologen davon aus, dass die atopischen Erkrankungen im Alter praktisch nie neu auftreten.  Man ging davon aus, dass selbst bei Vorerkrankungen im Kindheitsalter bei Menschen ab 50 Jahren kaum noch Allergiesymptome anzutreffen seien. Dies hat sich grundlegend geändert. Beim genauen Hinsehen wird deutlich, es gibt immer mehr und auch immer schwerere allergische Erkrankungen bei älteren Menschen. Auf diese eher unbekannte Erkenntnis wies Prof. Ring hin.
Prof. Ring stellte Untersuchungen vor, die zeigen das Neurodermitis ein Lebensthema sein kann. Am Beispiel des atopischen Ekzems konnte gezeigt werden, dass lediglich ein Drittel der Patienten in der Langzeitnachbeobachtung die Krankheit im Kindesalter dauerhaft verlieren, bei einem weiteren Drittel kommt es nach der Pubertät oder im Erwachsenenalter zu einem Wiederauftreten, ein Drittel der Patienten leidet kontinuierlich von Kindheit an bis hinein ins Erwachsenenalter an der Krankheit. Ärzte gehen von drei bis fünf Prozent erwachsener Patienten mit atopischem Ekzem aus.
Langfristig ist mit einem deutlichen Anstieg zu rechnen, da die starken Anstiege in der Neurodermitisveranlagung in den 90er Jahren hauptsächlich an fünf- bis sechsjährigen Einschulungskindern diagnostiziert wurden. Erschwerend kommt hinzu, dass allergische Erkrankungen im Alter häufig nicht erkannt und deshalb unzureichend behandelt werden. Wegen der gleichzeitigen Zunahme von chronischen Erkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen im höheren Lebensalter stellen sich häufiger Probleme eventueller Kontraindikationen bestimmter Behandlungsverfahren. Es gibt Patienten mit lebensbedrohlichen Insektengiftallergien, die auch im 80. Lebensjahr erfolgreich hypersensibilisiert werden konnten. Doch kann die allergie-spezifische Immuntherapie (ASIT) bei Patienten mit Grunderkrankungen oder unter Behandlung mit Beta-Blockern (bei Bluthochdruck) nicht angewandt werden. 
Prof. Ring zieht das Fazit, Allergien hören im Alter nicht auf, sie wandeln sich in ihrer Erscheinung, sind oft schwerer zu diagnostizieren und auch schwieriger zu behandeln. Eine interdisziplinäre Kooperation der verschiedenen Fächer in der Betreuung alter Menschen mit Allergologen ist absolut zu fordern.

Was haben Hunde und Katzen mit leidenden Neurodermitikern gemeinsam? Auf dem Allergiekongress wurden erstmalig tierärztliche Ergebnisse vorgestellt: „Allergien bei Tieren“. Nicht nur dass Allergien auch bei Hund und Katze immer häufiger vorkommen; die Neurodermitis beim Hund ist der beim Menschen sogar so ähnlich. Jetzt werden Therapieansätze von Hund und Mensch verglichen. 

Wir hoffen, dass viele Ärzte am Kongress teilnahmen. Es gab sehr viele neue Erkenntnisse für die Diagnose und Therapie. Als Vertretung betroffener Menschen wünschen wir uns als Verein, dass Fortbildungen zahlreich besucht werden und unsere Mitglieder davon profitieren.

Uns interessieren Ihre Erfahrungen. Schreiben Sie uns, wie Sie mit der Versorgung durch Allergiefachärzte an ihrem Wohnort zufrieden sind. Schreiben Sie uns, wenn Sie auch im späteren Erwachsenenalter von Neurodermitis betroffen sind. Welche Erfahrungen haben Sie bei der Therapie gemacht.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.allergie-kongress.de
Quellen: Pressekonferenz Allergiekongress 2012


Hintergrundwissen zum Allergiekongress
Der Allergiekongress findet jährlich statt. Die allergologischen Fachgesellschaften DGAKI, ÄDA und GPA begleiten wissenschaftlich den Kongress. Die meisten Redner sind Mitglieder der Fachgesellschaften. Diese Fachgesellschaften vergeben jedes Jahr Preise auf dem Kongress für ausgezeichnete Allergieforschung.  Wer sind diese ärztlichen Fachgesellschaften und können Sie auch direkt Betroffenen  weiterhelfen? Wir stellen Ihnen die drei vor.

Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPAU) Im Namen steckt es bereits, dieser Ärztezusammenschluss kümmert sich um die Kleinen (Pädiatrie-Kinderheilkunde) und um die Zusammenhänge von Umweltfaktoren und Allergien. Sie arbeiten mit verschiedenen Vereinen zusammen und geben unter anderem Elternratgeber heraus. Falls Sie den Elternratgeber nicht beim Arzt erhalten, können Sie diese auf der Homepage downloaden. Der Elternratgeber ist in einer verständlichen Sprache geschrieben und kann erste Informationen geben. Die Fachzeitschrift PÄDIATRISCHE ALLERGOLOGIE IN KLINIK UND PRAXIS, die sich eher an Ärzte wendet ist nur teilweise im Netz zu lesen. Weitere Informationen unter: http://www.gpau.de

Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) erstellt und aktualisiert zu wichtigen Themen medizinisch-wissenschaftliche Leitlinien. Sie sollen Ärzten die Entscheidungsfindung in bestimmten Situationen erleichtern. Sie beruhen auf aktuellen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren. Spannend auch für Betroffene ist der Atlas “Allergieforschung in Deutschland. Auf einer Landkarte werden die verschiedenen Standorte der Allergieforschung vorgestellt und die Schwerpunkte von Kliniken und Instituten beschrieben. Dabei wird deutlich, dass es Schwerpunktzentren zu allen Erkrankungsformen allergischer Art Forschung gibt. Dieses Werk kann für chronisch Kranke eine wichtige Hilfe auf der Suche nach Fachleuten sein.
Weitere Informationen unter: http://dgaki.de/allergieforschung
Der Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) ist der dritte große Ärztezusammenschluss. Er gibt für seine Mitglieder das bekannte Allergo Journal heraus. Diese Fachzeitschrift ist für Nichtärzte nur auszugsweise im Internet verfügbar. Es wird viel über Allergieforschung berichtet. Aktuell ist eine Übersicht für die Behandlung schwerer Neurodermitisformen auch für Nichtärzte verfügbar. Ein Service für Betroffen ist, dass nach Postleitzahlen und nach Fachgebieten Allergologen gesucht werden können. Zusätzlich stellt er eine umfangreiche Sammlung von Links rund um Allergien zur Verfügung. Dies erleichtert langes Suchen im Internet. Für alle, die medizinische Fachsprache verstehen, bietet die Seite auch freizugängliche Forschungsergebnisse rund um Allergien.
Weitere Informationen unter: http://www.aeda.de





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