Bakterien in der Stall-Luft, die den "Bauernhof-Effekt" auslösen
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Markus Ege (LMU Klinikum und Helmholtz Munich) hat erstmals die genaue biologische Kette des „Bauernhof-Effekts“ entschlüsselt.
Während bisher bekannt war, dass Kinder auf Bauernhöfen seltener an Allergien leiden, konnten die Forscher nun spezifisch benennen, welche Bakterien dafür verantwortlich sind, welche Stoffe sie produzieren und wie diese das menschliche Immunsystem schützen. Die Ergebnisse wurden im Juli 2026 im Fachjournal NEJM Evidence veröffentlicht.
Die verantwortlichen Bakterienarten
Die Studie identifizierte neun Gruppen grampositiver Bakterien, die den Großteil des Schutzeffekts vermitteln. Zwei Arten wurden dabei besonders hervorgehoben, da sie maßgeblich zur Wirkung beitragen:
Romboutsia timonensis
Glutamicibacter arilaitensis
Diese Mikroorganismen stammen ursprünglich aus dem Verdauungstrakt von Kühen. Gemeinsam erklären sie etwa zwei Drittel des Schutzeffekts vor Asthma sowie rund die Hälfte des Schutzes vor Heuschnupfen und Neurodermitis. Im Gegensatz dazu zeigten gramnegative Bakterien oder Pilzsporen keinen vergleichbaren Effekt.
Der biologische Wirkmechanismus
Die Forschenden konnten die gesamte Kausalkette vom Tier bis zum menschlichen Immunsystem lückenlos nachweisen:
Ursprung: Die Bakterien leben im Pansen und Darm der Kühe, wo sie Bestandteile des Futters abbauen.
Übertragung: Über Staub und Ausscheidungen gelangen die Bakterien in die Stallluft.
Stoffwechselprodukte: Die Bakterien produzieren bzw. verstoffwechseln spezifische Substanzen, darunter Kynurenin, Xanthin, Alpha-Linolensäure und Stearidonsäure.
Aufnahme: Kinder atmen diese Stoffe ein.
Immunreaktion: Die Substanzen docken an zwei spezifische Rezeptoren auf den Zellen der menschlichen Atemwege an: den Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor (AhR) und den Peroxisome-Proliferator-Activated Receptor Gamma (PPARγ).
Schutz: Diese Rezeptoren regulieren das Immunsystem herunter und verhindern so überschießende Entzündungsreaktionen, die Allergien und Asthma auslösen würden.
Bedeutung für die Hygienehypothese und Medizin
Die Studie liefert den lange gesuchten biologischen Beweis für die Hygienehypothese, die besagt, dass das Immunsystem in der frühen Kindheit den Kontakt zu Mikroben benötigt, um richtig zu „lernen“. Bisher fehlte jedoch der Nachweis der konkreten Akteure.
Die Erkenntnisse eröffnen neue Perspektiven für die Medizin: Langfristig besteht die Möglichkeit, Medikamente oder Therapien (beispielsweise als Nasenspray) zu entwickeln, die diese spezifischen bakteriellen Stoffwechselprodukte nachahmen. Dies könnte Kindern einen ähnlichen Schutz vor Allergien bieten, ohne dass sie tatsächlich in einer bäuerlichen Umgebung aufwachsen müssen.
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