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Mailand war Hautstadt von Vitiligo

01.12.2010Vom 23. - 24. September 2010 fand in Mailand der 1. Weltkongress über Vitiligo (First Vitiligo World Congress) statt. Die Tagung wurde von Prof. Santo Raffaele Mercuri zusammen mit einem internationalen Programm-Komitee organisiert und fand im Istituto Scientifico Universitario San Raffaele, einer der modernsten Universitätskliniken Italiens, statt. Eingeladen waren ca. 40 renommierte Gastredner und Wissenschaftler aus Italien, Spanien, England, Frankreich, Tschechien, Belgien, Deutschland, Österreich, Korea, Australien, Indien, der Schweiz, den Niederlanden und USA, die auf dem Gebiet der Vitiligo bzw. Pigmentzellforschung aktiv sind. Neben Gastvortragen gab es für die Nachwuchswissenschaftler Gelegenheit Ihre Arbeiten in Form von Kurzvorträgen und Postern zu präsentieren. Die Teilnehmerzahl war mit ca. 300 angemeldeten Kongressteilnehmern bemerkenswert und drückte das große Interesse aller Beteiligten für die Vitiligo als bislang noch unzureichend behandelbare Krankheit aus.

Klinische Facetten

Der Kongress wurde in neun Sitzungen abgehalten. In der Einleitungssitzung wurde die Vitiligo in ihren klinischen Facetten präsentiert, wobei u. a. Prof. Jana Hercogova (Prag) über Epidemiologie, Klinik und Therapie der Erkrankung in Tschechien referierte. Von Prof. Seung-Kyung Hann (Seoul) erläuterte eine neue Klassifikation der segmentalen Vitiligo im Gesichtsbereich an Hand des Ausbreitungsmusters der weißen Flecke. Prof. Alain Taieb (Bordeaux) berichtete über die Differentialdiagnose der Vitiligo vulgaris.

Der aktuelle Stand der Forschung der Vitiligo wurde in den Sitzungen 2 und 3 angegangen, wobei ein Highlight der Vortrag von Richard Spritz (Denver) über die Genetik der Vitiligo vulgaris war. An DNA-Proben von 1514 kaukasischen Patienten und einer noch größeren Kontrollpopulation wurden 13 Suszeptibilitätsgene durch eine genomweite SNP-Analyse identifiziert, wobei Tyrosinase, das Schlüsselenzym der Melaninsynthese, ein mögliches Autoantigen sein könnte. Von Prof. Markus Böhm (Münster) wurde über Abnormalitäten im sog. Melanokortin-System bei Vitiligo berichtet, wobei dieses neuroendokrine System Schlüsselfunktionen von Pigmentzellen steuert. Über eine mögliche Substitutionstherapie von Vitiligo-Patienten mit dem superpotenten alpha-MSH-Analog Afamelanotide wurde hier auch eingegangen. Prof. Raymond E. Boissy (Cincinnatti) referierte sodann über den Autoimmuncharakter der Vitiligo und über neue experimentelle Ansätze. Prof. Mauro Picardo (Rom) fasste die aktuellen Befunde zur Rolle von oxidativem Stress bei der Vitiligo zusammen, während Dr. J.P. Wietze von der Veen die Beeinflussung der Lebensqualität bei Vitiligo-Patienten mittels empirischer Daten hervorhob und auf unzureichende therapeutische Interventionen wie Psychotherapie hinwies. In der folgenden Sitzung über „Vitiligo aus der Sicht des Patienten“ waren die autobiographischen Vorträge von Maxime Whitton, selbst Vitiligo-Patientin und als Mensch mit schwarzer Hautfarbe besonders Betroffene, sowie von Lee Thomas (Buchautor von „Turning white) von allen Zuhörern mit großer Anteilnahme verfolgt. Für Maxime Whitton war Vitiligo beispielsweise eine Lebenschance für eine Patientenkarriere als Autorin innerhalb der renommierten Cochrane Library, einer Institution, die Metaanalysen zur evidenzbasierten Therapie für die Vitiligo verfasst.

Therapiemöglichkeiten

Die nachfolgenden Sitzungen widmeten sich primär den aktuellen und vielleicht zukünftigen Therapiemöglichkeiten bei Vitiligo. Nach einer Sitzung über komplementäre Therapien wie Camouflage oder Mikropigmentierung berichtete Dr. Antonio Salafia (Mumbai) über seine 24-jährigen Erfahrungen bei 18 000 Patienten in Indien. Mit allgemeinem Erstaunen wurden seine vermeintlichen Erfolge bei der Behandlung dieser Erkrankung mit topischem Dapson aufgenommen. Dapson bei Vitiligo? In der Tat gibt es Hinweise, dass dieses Sulfonamid (in Deutschland zugelassen als systemisches Medikament gegen verschiedene Entzündungserkrankungen, in den USA ferner zugelassen als topisches Aknetherapeutikum) anti-oxidative Eigenschaften haben kann. Bislang fehlen jedoch klare Evidenzen und Studien zum therapeutischen Erfolg dieses Präparates bei der Vitiligo. Prof. Urba Gonzalez (Barcelona) und David Gawkrodger (Sheffield) berichteten sodann über den aktuellen Stand der Empfehlungen evidenzbasierter Studien bei der Vitiligo sowie über den Stand der britischen Leitlinien-Initiative bei dieser Erkrankung.

Phototherapie

In den nachfolgenden zwei Sitzungen wurde der Phototherapie besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Prof. Adrian Tanew (Wien) fasste die aktuellen Behandlungsmöglichkeiten der UVB-311-Therapie zusammen. Prof. Torello Lotti (Florenz) betonte den Nutzen einer zielgerichteten UVB-311-Therapie (Mikrotherapie) und eine Reihe anderer italienischer Kollegen berichtete über Kombinationstherapien von UVB-Bestrahlung bzw. Excimer-Laser mit topischen Calcineurin-Inhibitoren (FK506-Salbe, Protopic®) oder topischen Steroiden in nicht bestrahlten Körperarealen.

In der letzten Sitzung berichtete Prof. Thomas Hunziker (Bern) über seine ersten Erfahrungen mit Vitiligopatienten und autologer Stammzelltransplantation aus Haarfollikeln. Interessanterweise zeigten sich bei einem Teil der Patienten auch in unbehandelten Arealen Repigmentierungen, was auf eine systemisch modulierende Rolle der transplantierten Stammzellen hinweisen könnte. Von Dr. Nanja van Geel (Ghent) wurden daraufhin sehr ermutigende Langzeitergebnisse bei Vitiligopatienten mit stattgefundener autologer Melanozytentransplantation dargestellt. Diese Sitzung wurde abgerundet durch den Vortrag von Prof. Davinder Prasad (Chandigarh) „How close are we“ und damit Bezug nahm zu zwei Kardinalfragen bei jeder Vitiligotherapie, nämlich wie stabil ist eine therapeutisch induzierte Repigmentierung (Langzeitergebnis?) und wie komplett (nur partielle oder gar 100%-ige Repigmentierung aller befallenen Areale).
   
Fazit

Insgesamt war dieser First Vitiligo World Congress eine überaus gelungene Veranstaltung, bei der sowohl der Vitiligopatient, die Grundlagenforschung, als auch die Klinik und Therapie im Gleichklang standen.

Autor:
Prof. Dr. med. Markus Böhm
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie
Universitätsklinikum Münster











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