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15. Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Pigmentzellforschung (ESPCR)

15.12.2009Vom 20.-23. September 2009 fand in Münster, Westfalen, der 15. Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Pigmentzellforschung (European Society for Pigment Cell Research, ESPCR) statt. Für Münster war es eine besondere Ehre, diesen renommierten internationalen wissenschaftlichen Kongress erstmals seit nahezu zehn Jahren wieder in Deutschland auszutragen. Das Symposium, zu dem mehr als 200 Grundlagenforscher aus dem Gebiet der Pigmentzellbiologie und -klinik angereist waren, fand im Schloss der Westfälischen Wilhelms-Universität, gleichzeitig Sitz der Universitätsverwaltung, statt. Der Tagungsort, ein barocker Palastbau aus dem 18. Jahrhundert, geschaffen von dem berühmten Architekten Johann Conrad Schlaun, war eine einzigartige Kulisse für die Kongressteilnehmer aus aller Welt. Tagungspräsident war Prof. Dr. Markus Böhm, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie, Universitätsklinikum Münster, der in Zusammenarbeit mit dem lokalen Organisationskomitee und dem international besetzten wissenschaftlichen Programmkomitee hochinteressantes Tagungsprogramm zusammenstellte, das die gesamte Bandbreite der Pigmentzellforschung, -biologie und -klinik abgebildet hatte. Gemäß der Zielsetzung der ESPCR wurden in Form von 13 Sitzungen und Workshops, u. a. die Entwicklungsbiologie von Pigmentzellen (Melanozyten), d. h. Stammzellbiologie, ferner Genetik, Melaninbiochemie und Melaninsynthese, Signaltransduktion, oxidativer Stress, Photobiologie von Melanozyten im Kontext mit den Nachbarzellen, Biologie von Pigmentzellen des Haarfollikels und die Molekularbiologie des Melanoms abgedeckt. Darüberhinaus bildeten Pigmentzellerkrankungen wie die Vitiligo sowie die sog. translationale Forschung, d. h. die möglichst baldige Anwendung und Übertragung experimenteller und präklinischer Forschungsergebnisse auf Patienten, z. B. anhand der Therapie mit Melanokortin-Peptiden und -derivaten (u. a. Prof. Dr. Markus Böhm) herausragende Schwerpunkte. Die praxisnahe Relevanz der Tagung wurde durch zwei klinische Symposien („Neueste Fortschritte bei der Therapie von Pigmenterkrankungen“ und „Zukunftsperspektiven der Melanomtherapie“) unterstrichen. Neben international bekannten Gastrednern wurde gerade auch Nachwuchsforschern Gelegenheit zu Kurzvorträgen in allen Sitzungen und Symposien gegeben. Zwei Postersitzungen der mehr als 70 Poster (darunter 12 speziell über Vitiligo) rundeten das wissenschaftliche Vortragsprogram ab.

Vitiligo Highlights

Wo waren bezgl. der Vitiligo die eigentlichen Highlights? Im Symposium I („Neueste Fortschritte bei der Therapie von Pigmenterkrankungen“) am 20. Sept. 2009, mit Vorsitz von Prof. Alain Taieb (Bordeaux) und Prof. Mauro Picardo (Rom), präsentierte zuerst Prof. Dr. Karin Schallreuter (Bradford, UK und Greifswald) einen Querschnitt ihrer mehr als 20-jährigen Erfahrung auf dem Gebiet der Pathogenese und Therapie der Vitiligo. Schwerpunkt ihres Vortrages war die Bedeutung reaktiver Sauerstoffspezies, speziell Wasserstoffperoxid, bei der Entstehung der Erkrankung; darüber hinaus die Rolle bestimmter metabolischer und enzymatischer Veränderungen bei der Vitiligo und schließlich die erfolgreiche Therapie, die sich auf der Entfernung von Wasserstoffperoxid mit Pseudokatalse gründet.

Lasertherapie

Prof. Giovanni Leone (Rom) referierte danach über den gegenwärtigen Stellenwert der UVB-311-Schmalband-Bestrahlung, großflächig oder fokal, z. B. durch den 308 nm monochromatischen Excimer-Laser alleine oder in Kombination mit Antioxidantien.
Nach einem Vortrag von Prof. Alain Taieb, der die Entzündungsphänomene der Vitiligo als Grundlage innovativer neuer Behandlungsmöglichkeiten hervorhob, berichtete Dr. Thierry Passeron, Nizza, über neuartige Kombinationstherapien bei Vitiligo. Im Focus standen hier seine Erfahrungen mit Kombinationstherapien aus UVB-311-Schmalbandtherapie plus topischen Calcineurininhibitoren. Einen besonderen Vortrag hielt Prof. Tag Anbar, Al-Minya, Ägypten, der über die Möglichkeit einer kombinierten Laser-, 5-Fluoruracil- und UVB-311-Schmalbandtherapie bei notorisch hartnäckigen Vitiligoherden, z. B. am Hand- und Fingerrücken, eindrucksvolle klinische Resultate zeigte. Zwei weitere Beiträge von Prof. Davinder Parsad, Chandigarh, Indien, und von Prof. David Gawkrodger, Sheffield, UK, beschäftigten sich mit der Leitlinienerstellung bei der Vitiligo in Indien und in England. Hier besteht in Deutschland Nachholbedarf, um unsinnige und unzureichend evidenzbasierte Therapien dem hilfesuchenden Vitiligopatienten zu ersparen. Eine Initiative zur Erstellung einer Vitiligo-Leitlinie wurde bei der letzten Jahrestagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) im Mai 2009 in Dresden vom Autor dieses Artikels iniitiert.

Genetische Defekte

In der mehr grundlagenwissenschaftlich orientierten Vitiligo-Sitzung am 23. Sept. 2009 („Vitiligo und andere Pigmenterkrankungen“) mit Vorsitz von Prof. Dr. Joe Lambert, Ghent und Dr. Wietze van der Veen, Amsterdam, wurde von Prof. Dr. Oliver Gaide, Genf, über die Bedeutung des sog. Inflammasoms, eines intrazellulären Schaltmoduls der Entzündung, referiert. Erste Daten existieren hierzu bereits bei Pigmentzellen. Da bei der Vitiligo vulgaris, welche mit Autoimmunerkrankungen assoziiert ist, genetische Defekte von bestimmten Komponenten des Inflammasoms (NALP1) gefunden wurden, ergeben sich daraus vielleicht auch neue therapeutische Perspektiven für Patienten mit Vitiligo. Als weiterer Gastredner hob Prof. Dr. Richard Spritz, Aurora, USA, die Bedeutung bestimmter Genmutationen (HLA, PTPN22, NALP1, CTLA4) bei der Vitiligo vulgaris bzw. der generalisierten Vitiligo hervor. Sein Vortrag gründete sich auf eine rezente Multizenterstudie an mehr als 1400 Vitiligopatienten, an denen 610 000 Einzelnukleotidpolymorphismen (single nucleotide polymorphisms, SNPs) untersucht wurden. Beim Vorliegen einer generalisierten Vitiligo und Präsenz assoziierter Autoimmunerkrankungen wie der Hashimoto-Thyreoiditis oder dem Diabetes mellitus, scheinen weitere, oftmals kontrovers diskutierte Suszeptibilitätsgene (z. B. Katalase etc.) keine Bedeutung zu haben. Diese Sitzung wurde genau wie das Symposium I durch eine Reihe von Kurzvorträgen über Vitiligo ergänzt.

Fazit

Zusammenfassend war die 15. Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Pigmentzellforschung ein großer Erfolg. Die Teilnehmerzahl war um mehr als 1/3 größer als die des 14. Jahreskongresses der ESPCR 2007 in Bari, Italien! Der Erfolg des diesjährigen ESPCR 2009-Kongresses in Münster geht ferner aus den vielen positiven Kommentaren aller Kongressteilnehmer hervor und gründet sich auch auf das beachtliche öffentliche Interesse lokaler Zeitungen und des Westdeutschen Rundfunks für das Symposium. Hier zeigte sich, dass Pigmentzellerkrankungen wie die Vitiligo einen Stellenwert besitzen, den es innerhalb der Dermatologie und auch der Pigmentzellforschung für das Wohl der Patienten noch mehr hervorzuheben gilt. Dem Deutschen Vitiligo-Verein e.V. (DVV), der für das Gelingen des 15. ESPCR-Kongresses unterstützend beigetragen hat, sei hierfür herzlichst gedankt.

Prof. Dr. med. Markus Böhm
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie
Universitätsklinikum Münster




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