Vitiligo bei Männern

28.10.2019

i-stock tolgartIm Rahmen der Interviewreihe „Praxisgespräche“ wird das Gespräch zwischen dem Deutschen Vitiligo Verein e.V. (DVV) und niedergelassenen Dermatologinnen und Dermatologen sowie Fachkräften anderer Fachgebiete gesucht, um Vitiligo-Betroffene grundlegend über die Personen, ihr Vitiligo-Verständnis, ihre Behandlungsschwerpunkte etc. zu informieren. Ferner wird in dieser Interviewreihe darauf Wert gelegt, dass Fachbegriffe erläutert werden, um auf diese Weise für „Dermatoedukation“ zu sorgen, d.h. Mitglieder unserer Selbsthilfeorganisation werden aus dermatologischer Sicht weitergebildet.

Vitiligo Information: Hallo Frau Dr. Hadshiew, ich freue mich, Ihnen heute Fragen zu Vitiligo, speziell bei betroffenen Männern, stellen zu können. Sie selbst sind als niedergelassene Dermatologin in der Klinik Derma Köln, Köln, tätig. Wie oft begegnen Sie in Ihrer täglichen dermatologischen Tätigkeit Themen der Männergesundheit?

Hadshiew: Guten Tag, Frau Dargatz! Ich freue mich, dass wir wieder einmal die Gelegenheit haben, uns zu interessanten Themen zur Haut auszutauschen.

Vitiligo Information: Wenn man sich aktuell umschaut, so wird in der Beauty-Szene die Männerhaut stark hervorgehoben. Spezielle Produkte für die Männerhaut werden angeboten. Wie erklären Sie sich diese Veränderung auf dem Hautpflege-Markt?

Hadshiew: Ich glaube einfach, dass die Kosmetikindustrie festgestellt hat, dass auch Männerhaut einen Hautpflegebedarf hat und bei einem Anteil von fast 50 Prozent in unserer Gesellschaft, stellen Männer einen riesigen potenziellen Absatzmarkt dar. Zudem waren sie bis vor kurzem, was Produkte für die Pflege der männlichen Haut angeht, weit unterrepräsentiert. (Wenn man mal von Rasierschaum, Aftershave und Deos absieht).

Vitiligo Information: Seit wann wird denn in der dermatologischen Forschung und Therapie speziell auf Männerhaut fokussiert bzw. nach dem Geschlecht der Betroffenen differenziert?

Hadshiew: Seit ca. 10 Jahren entwickelt sich hierzu ein verändertes Bewusstsein und dementsprechend auch die dermatologische Forschung. Die grundlegenden Fakten zu Männerhaut sind natürlich schon länger bekannt: Männer haben mehr Talgdrüsen und größere Poren als Frauen und produzieren unter dem Einfluss der männlichen Hormone, fast doppelt so viel Talg. Ihre Haut ist daher typischerweise fettiger und auch häufiger von Akne betroffen.

Vitiligo Information: Was besagen aktuelle statistische Ergebnisse? Sind Frauen und Männer gleich viel von Vitiligo betroffen? Falls nein, wie kommt es zu diesen etwaigen Unterschieden?

Hadshiew: Weltweit leiden bis zu 2 % der Gesamtbevölkerung unter einer Vitiligo, wobei Männer und Frauen gleich häufig von der Erkrankung betroffen sind. Allerdings suchen Frauen häufiger einen Arzt auf, was manchmal zu der Wahrnehmung führt, dass Vitiligo häufiger bei Frauen aufträte.

Vitiligo Information: Sowohl Männer als auch Frauen erkranken oftmals bereits als Kind an Vitiligo. Andere wiederum erkranken erst später im Verlaufe ihres Lebens. Hat auf diese Erstmanifestation das Geschlecht des Neubetroffenen einen Einfluss?

Hadshiew: Vitiligo kann sich in jedem Alter entwickeln. Manchmal treten die ersten weißen Flecken schon kurz nach der Geburt auf, in ca. 80 % der Fälle entwickelt sich die Erkrankung zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr, wobei 50 % der Patienten vor dem 20. Lebensjahr erkranken. Das Geschlecht hat, soweit wir wissen, keinen Einfluss auf die Erstmanifestation.

Vitiligo Information: Man differenziert bei Vitiligo unterschiedliche Formen der Erkrankung. Spielt dabei auch das Geschlecht eine Rolle, an welcher Form man erkrankt?

Hadshiew: Typischerweise unterscheidet man zwischen einer lokalisierten und einer generalisierten Vitiligo. Im ersten Fall entstehen entweder lokale/solitäre oder aber auch segmentale Depigmentierungen. Diese bleiben häufig auf diese Areale beschränkt und breiten sich nicht aus. Bei der generalisierten Vitiligo entstehen eine Vielzahl von depigmentierten Flecken an unterschiedlichen Körperstellen, die dazu neigen, sich im Laufe der Zeit, häufig symmetrisch, auszubreiten. Auch hier spielt das Geschlecht KEINE Rolle, an welcher Form man erkrankt!

Vitiligo Information: Im Rahmen einer Vitiligo Erkrankung kann man auch von weiteren Autoimmunerkrankungen betroffen sein, z.B. betrifft dies auch die Schilddrüse. Gibt es Bezug auf diese komorbiden (d.h. Folge-) Erkrankungen geschlechtsspezifische Erkenntnisse?

Hadshiew: Autoimmunerkrankungen sind chronisch-entzündliche Erkrankungen, bei denen Immunzellen körpereigene Zellen angreifen. Generell geht man davon aus, dass Autoimmunerkrankungen häufiger bei Frauen auftreten. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und reichen von genetischer Prädisposition, über Einfluss von Umweltfaktoren, viralen Infekten, über Modulation durch weibliche Sexualhormone (Östrogen, Progesteron) bis hin zur Tatsache, dass Frauen typischerweise gesundheitsbewusster sind und daher häufiger einen Arzt aufsuchen.
Je nach betroffenem Gewebe manifestieren sich Autoimmunerkrankungen auf verschiedene Weise im Körper und treten an unterschiedlichen Organen auf, (Diabetes: an der Bauchspeicheldrüse, Hashimoto Thyreoiditis: an der Schilddrüse; Rheuma: an den Gelenken, Systemischer Lupus erythematodes an einer Vielzahl von Organen, etc. ).
Die Hashimoto Thyreoiditis ist die häufigste Autoimmunerkrankung, von der bis zu 15 Millionen Menschen sind in Deutschland betroffen sind. Durch sogenannte Autoantikörper gegen verschiedene Strukturen der Schilddrüse kommt es zu einer Entzündungsreaktion (Thyreoiditis), in deren Folge die Schilddrüse zerstört wird.
Frauen erkranken bis zu 5x häufiger als Männer. Neben der genetischen Veranlagung tritt die Hashimoto-Thyreoiditis in zeitlichem Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen (Pubertät, Entbindung, Wechseljahre) häufiger auf.
Bei Vitiligo Patienten wird eine Schilddrüsenerkrankung bei bis zu 20 % der Patienten diagnostiziert.

Vitiligo Information: Letztlich fragt sich ein Betroffener, wenn er an Vitiligo erkrankt ist, womit er krankheitsbezogen rechnen muss, was also in seinem weiteren Leben aufgrund seiner Grunderkrankung noch auftreten könnte. Erleben Sie diesbezüglich Unterschiede zwischen Männer und Frauen in der Erwartungshaltung?

Hadshiew: Auch andere Autoimmunerkrankungen treten häufiger bei Vitiligo auf. Neben der Hashimoto Thyreoiditis, gehören hierzu z.B. die Alopecia areata (keisrunder Haarausfall), Typ 1 Diabetes, aber auch chronisch entzündliche Darmerkrankungen oder Rheuma. Ob diese Erkrankungen tatsächlich auftreten, kann man nicht vorhersagen, aber man sollte Patienten dennoch dafür sensibilisieren, damit sie, falls Beschwerden auftreten, rechtzeitig zum Arzt gehen.
Ich glaube, dass es keine Unterschiede zwischen Männer und Frauen in der Erwartungshaltung gibt, jedoch Frauen, wie oben schon angesprochen, besser auf sich achten und somit früher einen Arzt mit Ihren Beschwerden konsultieren.

Vitiligo Information: Viele Vitiligo Betroffene erleben immer wieder, dass sie aufgrund ihrer Erkrankung abgelehnt und stigmatisiert werden. Welche Umgangsweisen haben Sie diesbezüglich bei betroffenen Männern und Frauen gesehen bzw. gehört? Gibt es hier geschlechtsspezifische Unterschiede?

Hadshiew: In der Tat ist es leider immer noch so, dass Patienten aufgrund Ihrer Vitiligo oft komisch angesehen oder behandelt werden. Glücklicherweise vollzieht sich in unserer Gesellschaft jedoch gerade ein Umdenken. Hierzu tragen z.B. Werbekampagnen bei, bei denen Models mit Vitiligo über die Laufstege gehen, oder Fotografen, wie der Amerikaner Rick Guidotti, mit seiner Aktion: Positive Exposure, Patienten mit schweren Hauterkrankungen auf wunderbare Weise darstellt.
Ich empfehle allen Patienten (und auch den Eltern betroffener Kinder) sich bei Problemen sowohl an ihre Ärzte, aber auch an versierte Psychologen oder Psychotherapeuten zu wenden. Auch die Teilnahme an Treffen von Selbsthilfegruppen, die über den Dt. Vitiligo Verein in Erfahrung gebracht werden können, empfehle ich sehr. Patienten können sich untereinander austauschen, merken, sie sind nicht allein und bekommen oft wertvolle Tipps. Auch haben sie hierüber Zugang zu weiteren aktuellen und fachlich gesicherten Informationen, wie Fachbeiträgen (z.B. zu neuen potentiellen Therapieoptionen, wie z.B. der Therapie mit Januskinase Inhibitoren) oder Interviews in diesem Journal (wie man sieht)!
Eine Internet Recherche bietet meist zu viele, häufig undifferenzierte oder sogar falsche Informationen, deren Inhalt man oft selbst nicht bewerten kann.
Der Umgang mit der Vitiligo, ist wie auch bei anderen chronischen Hauterkrankungen, von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Verdrängungs- und Verarbeitungs- Mechanismen kommen bei beiden Geschlechtern vor. Insgesamt würde ich (sehr verallgemeinert!) sagen, dass Männer eher verdrängen, während Frauen zwar mehr unter der Erkrankung leiden, da sie gewissen vermeintlichen Schönheitsidealen womöglich nicht entsprechen. Frauen sind hingegen oft proaktiver und geschickter in der Verwendung von Abdeckmethoden, z.B. mit wasserfesten Make-ups.

Vitiligo Information: Formuliere ich es noch einmal anders herum, was könnten betroffene Männer von betroffenen Frauen bzw. betroffene Frauen von betroffenen Männern lernen, um einen noch besseren Umgang mit ihrer chronischen Hauterkrankung zu finden?

Hadshiew: Das ist natürlich sehr pauschal formuliert. Generell propagiere ich den Austausch zwischen Patienten, egal ob Männer oder Frauen. Männer können sich vielleicht etwas Pragmatismus und praktische Tipps (z.B. zum Abdecken von sehr auffälligen Stellen im Gesicht) von den Frauen abgucken, während Frauen vielleicht einen Hauch der männlichen Gelassenheit übernehmen könnten. Ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein hilft allen Geschlechtern.
Vitiligo Information: Sehr geehrte Frau Dr. Hadshiew, wir danken Ihnen für das Interview und für Ihre Zeit, die Sie sich genommen haben, um unseren Mitgliedern diese interessanten Informationen und Zusammenhänge zu erläutern.

Priv.-Doz. Dr. med. habil. Ina Hadshiew, Köln, im Interview mit Dipl.-Psych. Sonja Dargatz

Quelle: Vitiligo Journal
Mitgliedermagazin Deutscher Vitiligo Verein e.V.





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