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Wenn die Jeans krank macht

28.06.2021

istock Nigel StripeBeim Kauf eines neuen Kleidungsstückes wählt man in der Regel nach Kriterien wie modischer Schnitt, Farbe oder Bequemlichkeit. Anders die Allergiker. Für die Hautsensiblen, Neurodermiker*innen oder Kontaktallergiker*innen sind vor allem Dinge wie Stoffart, verwendete Materialien und bei der Herstellung eingesetzte Chemikalien, womöglich bedenkliche Farben oder z.B. der Einsatz von nickelhaltigen Knöpfen und Verschlüssen eine Rolle. Das macht jeden Kauf zu einer wissenschaftlichen Expedition.

Weltweit wurde im Jahr 2019 ein Umsatz von 11,7 Milliarden € in der Textilbranche erwirtschaftet. Davon entfallen vier Milliarden auf Biotextilien. Der Anteil an nachhhaltiger Mode beträgt für Deutschland ca. 1 %. Trotz vieler Anbieter bleibt der Marktanteil insgesamt gesehen doch gering. Das liegt wahrscheinlich an den noch recht hohen Preisen dieser besonders umsichtig hergestellten Modelle. Ca. 90 % unserer Kleidung stammen aus dem Import, davon der größte Teil aus China, der Türkei oder Bangladesch bzw. dem asiatischen Raum. Das mag zwar preiswert einzukaufen sein, allerdings geben wir so die Kontrolle über den Einsatz von Chemikalien ab, der in diesen Ländern nicht oder nicht allzu streng überwacht wird. Was handeln wir uns bzw. unserer Haut damit ein?

Allergische Reaktionen auf Baumwolle, Synthetik oder Leinen sind zwar relativ selten, da diese Stoffe aus großen, komplexen Teilen bestehen, die nicht in die Haut eindringen können, aber bei ca. 1-2 % der Menschen ist eine „echte" Stoffallergie bekannt. Allerdings richtet sich auch hier die Allergie meist gegen die verwendeten Materialien, nicht gegen den Stoff an sich. Die Reaktionen treten meist nach einigen Tagen auf und äußern sich vor allem als Kontaktekzem. Aber auch direkte Überempfindlichkeitsreaktionen in Form von spontanem Juckreiz (z.B. bei Wolle, Polyester/Kunstfasern, Lurex) oder Reizhusten (z.B. chemische Ausdünstungen) sind möglich.

Insektizide, Biozide und andere Ausrüstungsstoffe wie Chemikalien, Weichmacher, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Bleiche, Farbstoffe, Fixiermittel u.v.m. sorgen dafür, dass unsere Kleidung bügelfrei, knitterfrei, wasserdicht, farbecht, schwer entflammbar, griffiger, weicher, antibakteriell, antimikrobiell usw. ist. Von bekannten umweltschädlichen Einflüssen abgesehen können einige diese insgesamt 6.500 unterschiedlichen Stoffe sich auch auf das Immunsystem und den Hormonhaushalt auswirken und sind z.T. krebserregend, teils fortpflanzungsschädlich, aber auch allergieauslösend (vor allem fettlösliche Substanzen überwinden die Hautbarriere). Eine gesunde Hautbarriere lässt Fremdstoffe nicht durch. Eine gereizte, vielleicht rissige Haut ist aber dem Angriff fettlöslicher Stoffe wie Dioxine oder polychlorierte Biphenyle (PCB) nicht gewachsen.

Generell kann bis zu einem Fünftel des Gewichts unserer konventionell hergestellter Kleidung aus einem Mix verschiedener Chemikalien bestehen. Vor allem Stoffe aus Ländern ohne strenge Schadstoffkontrolle sorgen mit dazu, dass hierzulande verbotene Substanzen in die Kleidung gelangen. Vor und bei der Herstellung der Stoffe werden u.a. fluorierte Chemikalien (PFC), Insektizide, Pestizide sowie Düngemittel eingesetzt. Etwa 25 % des weltweiten Insektizidmarktes und 5 % des Pestizidmarktes entfallen auf den Baumwollanbau. Baumwolle ist durch den Anbau in Monokulturen besonders anfällig für einen Schädlingsbefall. Eingesetzte Pflanzenschutz- und Düngemittel sind aber nach den vielen Verarbeitungsschritten bis zum fertigen Baumwollprodukt kaum noch vorhanden und spielen für die Entwicklung einer Allergie keine Rolle mehr. Anders sieht es bei Färbemitteln aus. Besonders kräftige Farben können zu Hautirritationen und Allergien führen. Sie werden oft gemischt, zudem mit Fixiermitteln und z.T. Schwermetallen „farbecht" bearbeitet. In Mischgewebe und Kunstfasern hält sich die Farbe trotz der Fixierung nicht immer, sie kann sich bei Hautkontakt und Schweißbildung ablösen und neben Hautreizungen auch Allergien auslösen. Dies gilt auch für Jeans, die mit Chloratbleiche in „Jeans-Optik" gebracht werden, generell aber vor allem für schwarze Färbung, enge dunkle Kleidung, die direkt auf der Haut getragen wird (auch Unterwäsche) oder dunkle Strümpfe/Strumpfhosen.

Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) finden sich vor allem in Sport- und Freizeitkleidung. Diese wird antibakteriell/antimikrobiell ausgerichtet, damit auch kein Schweißdüftchen entsteht. Die dafür notwendigen Biozide sowie Nanosilber können die Hautbarriere beeinträchtigen und Allergien ermöglichen, da sie in den Hormonhaushalt und auch die Immunabwehr eingreifen. Zudem sind sie biologisch nicht abbaubar und reichern sich in Lebewesen an (Mensch und Tier). Als „Gegenleistung" sieht der Freizeitsportler damit natürlich aerodynamisch, sportlich und fitnessorientiert aus. Leider sind diese Kriterien heute wichtiger als eine, wenn auch unelegante, dafür aber bio- und hautverträgliche, vielleicht ausgebeulte Freizeit/Sportkleidung aus 100 % Baumwolle, die dazu meist kochfest ist. Those were the days, my friends...

Der Mensch ist, was er isst, sagt man. In unserem Fall: Der Mensch ist was er trägt. Man ist auch, was man seiner Haut zumutet. Im besten Fall passt Mode und Verträglichkeit zusammen. Dem, was wir noch für ein besseres Hautgefühl mittels unserer Kleidung tun können, widmen wir uns in der nächsten hautfreund-Ausgabe.

Kleidung für empfindliche Haut: Die Berlinerin Sabine Schmidt hat Kleidung für Neurodermitiker entwickelt. Die Stoffe sind aus hautverträglicher Bio-Baumwolle und werden von einem türkischen Unternehmen so passgenau genäht, dass Nähte nicht kratzen oder drücken und die Oberflächen glatt und seidig sind. Die (relativ teure) Kollektion ist zu sehen unter www.Xaxiraxi.com.

Tencel als Bettwäschematerial. Ausgangsmaterial sind Holzfasern, die in einem Spezialverfahren zu webfähigen Fäden verarbeitet werden.

Auszug aus dem Mitgliedermagazin hautfreund vom Deutschen Neurodermitis Bund e.V. (DNB)





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