layout img
layout img

Informationsflut managen

31.05.2021

istock anyaberkut

Alle 73 Tage verdoppelt sich aktuell das medizinische Wissen. Das zu vermitteln; sprich: dahinzubringen, wo es dringend gebraucht wird, ist eine Riesenherausforderung, die durch die Pandemie noch einmal eine besondere Dynamik entwickelt hat. Darüber diskutierten im Rahmen der vom forschenden Pharmaunternehmen Pfizer organisierten Veranstaltungsreihe „Wie sieht das Gesundheitssystem der Zukunft aus?" die Wissenschaftsredakteurin Katharina Menne (Die Zeit), der Arzt und Mitgründer der Wissensplattform Amboss Dr. Sievert Weiss und Dr. Daniel Kalanovic, medizinischer Leiter von Pfizer Deutschland.

Ein Bundestrainer kennt das Problem: Wenn die Nationalmannschaft spielt, sitzen ihm 80 Millionen im Rücken. Und die wissen es grundsätzlich besser. Seit einem Jahr haben auch Virolog:innen dieses zweifelhafte Vergnügen: Wir sind ein Volk von Pandemieexpert:innen geworden. Wobei Meinung, Polemik, eigene Interessen und wissenschaftlich fundiertes Wissen oft nicht trennscharf zu unterscheiden sind.

Die Pandemie hat allen vor Augen geführt, was zum Beispiel Fachleute aus der Onkologie schon seit langem kennen: Das Wissen wächst und wandelt sich schnell. Soll heißen: Was vor einem Jahr noch aktuell war, muss es heute nicht mehr sein. In der Medizin kann das fatale Folgen haben: Es kann bedeuten, dass Erkrankte nicht nach dem aktuellen Stand des Wissens behandelt werden.
Durch COVID-19 hat dies noch einmal eine besondere Dynamik entfaltet: Gerade in der Anfangszeit der Pandemie war die Halbwertzeit von Informationen eher in Stunden zu messen. In der Öffentlichkeit entstand dadurch der Eindruck, dass „die da" (gemeint sind wahlweise Menschen aus Wissenschaft oder Medien) nicht wissen, was sie tun. Dabei haben wir alle nur in Echtzeit einer Wissensexplosion beigewohnt. Und einer ständigen Neubewertung des gerade Gelernten. Hinzu kommt: „Wir waren überwältigt von dem, was wir nicht wussten", formuliert es Pfizer-Mediziner Dr. Daniel Kalanovic.

COVID-19: Informationsflut und große Dynamik

Viele Wissenslücken, viele neue Informationsschnipsel, eine hohe Dynamik: Für eine Wissenschaftsjournalistin wie Katharina Menne von Der Zeit ist die Pandemie eine besondere Herausforderung. Es sei unmöglich sämtliche Studien zu lesen, die teilweise bereits vorab veröffentlicht würden und deren wissenschaftliche Bewertung noch ausstehe, erzählt sie. Entscheidend ist für sie die Quelle: Menne vertraut zum Beispiel den großen medizinischen Fachzeitschriften wie The Lancet. „Wissenschaft ist ein dynamischer Prozess, der durchaus mal Erkenntnisse revidieren kann, wenn man eben neue Erkenntnisse hat." Sie sieht das Problem, dass die wissenschaftliche Konsensbildung in aller Öffentlichkeit stattfindet. Das führe zu mehr Verwirrung als zu Aufklärung.

Immerhin: Für Menschen aus dem Wissenschaftsjournalismus gibt es mit dem Science Media Center seit ein paar Jahren eine unabhängige Institution, in der Journalist:innen für die Redaktionen Wissen aufarbeiten, Fachleute benennen, Orientierung bieten. „Die haben in der Pandemie einen Wahnsinns-Job geleistet", sagt Menne. Menne ist Übersetzerin komplexer Sachverhalte und Wissensvermittlerin.
Wissen erfahrbar und anwendbar machen

So versteht sich auch Dr. Sievert Weiss, der die Plattform Amboss mitgegründet hat. Die Wissensexplosion hält er für „nicht mehr beherrschbar". Sein Unternehmen setzt auf „Entscheidungsunterstützung":

istock YakobchukOlena

Wie kommt aktuelles medizinisches Wissen dahin, wo es gebraucht wird – zu den Patientinnen und Patienten?

Sein Team fasst neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen und bereitet sie für die Ärzteschaft auf. So wird aus medizinischen Leitlinien, die je nach Erkrankung auch mal 300 bis 400 Seiten umfassen können, in der Praxis anwendbares Wissen. „Wir haben rund hundert ärztliche Redakteure im Haus, die dieses Wissen auf das wesentliche runterbrechen." Das Team vom Amboss macht Wissen erfahrbar. Und dadurch anwendbar. Weiss weiß: Oft kommt das generierte Wissen in der Peripherie nicht an; auch, weil nicht alle Ärzt:innen zu den relevanten Kongressen fahren können. Amboss ist somit auch ein Instrument, um dem Wissensgefälle entgegenzuwirken. Im Grunde ist Amboss für die Ärzteschaft, was das Science Media Center für Journalist:innen ist: ein Organisierer, ein Manager von Wissen.

Das Problem des Wissensmanagements und des -transfers kennt auch Daniel Kalanovic. „Am Ende geht es darum, dass wir gute Entscheidungen treffen können. Als Arzt, zusammen mit den Patienten oder als Unternehmen. Wir müssen bei dieser Entscheidungsfindung einen Schritt machen, noch vernetzter und agiler werden; uns noch schneller anpassen. Das können wir heute alles mit den neuen Technologien." Kalanovic wünscht sich, dass der wissenschaftliche Austausch in beide Richtungen besser wird. „Wir brauchen ja nicht nur das Wissen aus den hohen Sphären der Wissenschaft, wir müssen auch wissen: Ist das umsetzbar?" Er will die „wisdom of the crowd", die Schwarmintelligenz, genauso berücksichtigt wissen. Wissen muss seiner Meinung nach noch besser in Form kollektiver Intelligenz gedacht und umgesetzt werden.

Es gibt noch viel zu tun. Laut einer von Pfizer beauftragten Umfrage sagen fast 70 Prozent der Befragten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht so kommuniziert werden, dass sie von allen gesellschaftlichen Gruppen verstanden werden. Doch das ist die Voraussetzung für Gesundheitskompetenz und damit für selbstverantwortliche Entscheidungen. SARS-CoV-2 ist hochansteckend. Das Wissen über das Virus ist es leider nicht.

Quelle: Pharma Fakten 20.5.2021





Seite weiterempfehlen