layout img
layout img

Impfen, ja oder nein?

07.01.2009Ärzte und Familien sind häufig besorgt, dass die empfohlenen Schutzimpfungen im frühen Kindesalter Allergien auslösen oder die Entwicklung von Allergien begünstigen könnten.
Während die Entwicklung von Neurodermitis und anderen allergischen Erkrankungen nicht durch Impfungen gefördert wird, sind in Einzelfällen besondere Vorsichtsmaßnahmen notwendig, wenn ein Kind allergisch auf im Impfstoff enthaltene Stoffe reagiert hat.

Von Christoph Grüber

Hintergrund


Immer mehr Kinder sind von Neurodermitis und anderen allergische Erkrankungen betroffen. Vermutlich bedingen Änderungen in unserem Lebensstil, dass immer mehr Menschen, die eine Veranlagung für allergische Erkrankungen haben, diese auch tatsächlich ausprägen. In diesem Zusammenhang sind die empfohlenen Schutzimpfungen für Kinder wiederholt angeschuldigt worden, entweder direkt über die Zufuhr allergisierender Substanzen oder indirekt über die Verhinderung von schweren Infektionen, die sonst eine antiallergische Abwehrreaktion auslösen, die Allergieentwicklung zu fördern.
Daneben gibt es selten schwere allergische Sofortreaktionen auf Impfungen. Insbesondere die Impfung gegen Masern ist immer wieder als Gefahr für Kinder diskutiert worden, die gegen Hühnerei allergisch sensibilisiert sind. In dieser Übersicht wird der gegenwärtige Forschungsstand hierzu skizziert. Praktische Empfehlungen für die Impfung von Kindern mit erhöhtem Allergierisiko werden gegeben.

Fördern Schutzimpfungen die Entwicklung von Neurodermitis und anderen allergischen Erkrankungen?

Kinder, die anthroposophische Schulen besuchen, sind aus weltanschaulichen Gründen häufig unvollständiger geimpft als Kinder, die reguläre Schulen besuchen.
In Schweden litten deutlich weniger Kinder aus einer Rudolf Steiner-Schule an allergischen Erkrankungen als Kinder aus einer regulären Schule.1 Da sich die Kinder auch im Hinblick auf andere die Atopie-Entwicklung potentiell beeinflussende Lebensstilelemente unterschieden, ist nicht klar, ob Impfungen hieran einen Anteil hatten. In einer weltweiten Untersuchung von Schulkindern zur Häufigkeit von allergischen Erkrankungen wurde unter 13 bis 14jährigen eine etwas geringere Häufigkeit von Neurodermitis und anderen allergischen Erkrankungen in Regionen mit besserer Durchimpfung gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Masern gefunden als in Regionen mit geringerer Durchimpfung. Bei 6 bis 7jährigen wurden dagegen keine Unterschiede festgestellt.2

In Deutschland wurden 1.314 Kinder seit ihrer Geburt im Hinblick auf die Entwicklung allergischer Erkrankungen beobachtet.
Bis zum Alter von fünf Jahren waren Kinder, die besser durchgeimpft waren, vorübergehend besser gegen Neurodermitis und Asthma geschützt als Kinder mit schlechtem Impfschutz. Dieser dosisabhängige Effekt war später im Leben nicht mehr so deutlich nachweisbar.3

Die Schutzimpfung gegen Keuchhusten war in der Vergangenheit besonders umstritten, weil im Tierversuch das Toxin der Erreger als Verstärker einer allergischen Immunantwort benutzt werden kann. Eine große epidemiologische Studie hat gezeigt, dass bei Kindern sowohl durch die alten ganzzellulären Impfstoffe als auch durch die neuen, besser verträglichen azellulären Impfstoffe kein erhöhtes Risiko für eine allergische Immunantwort gegen Umweltallergene und kein erhöhtes Risiko für allergische Erkrankungen besteht.4

Umgekehrt ist die bei uns nicht mehr generell empfohlene Schutzimpfung gegen Tuberkulose als Unterdrücker von Allergien vorgeschlagen worden, da im Tiermodell eine Infektion mit dem Impfstoff die allergische Sensibilisierung und die allergische Atemwegsreaktion hemmt.5
In den meisten epidemiologischen Studien konnte ein schützender Effekt bei Kindern nicht nachgewiesen werden.6

Masern-Impfung und Hühnereiweiß-Allergie

Die meisten Masern- und Mumps-Impfstoffe werden auf Hühnerei-verwandten Medien gezüchtet. Deshalb ist die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) wiederholt angeschuldigt worden, eine Gefahr für Kinder mit allergischer Sensibilisierung gegen Hühnerei zu sein. Insgesamt sind schwere allergische Reaktionen auf Masern-Impfung sehr seltene Ereignisse. In Deutschland wurden bei über 10 Millionen Dosen neun allergische Reaktionen und sechs Schockreaktionen gemeldet, die möglicherweise mit der Impfung im Zusammenhang stehen.7
Epidemiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass anhand der allergischen Sensibilisierung gegen Hühnerei nicht vorhersagbar ist, wer schwer reagieren wird und dass selbst bei Kindern, die auf Hühnerei klinisch allergisch reagieren, schwere allergische Impfreaktionen selten sind. Dies mag damit zusammenhängen, dass in der Regel allenfalls Spuren von Hühnereiprotein im Impfstoff nachweisbar sind. Wir empfehlen deshalb, nur Kinder mit aktueller ausgeprägter Hühnereiweiß-Allergie besonderen Überwachungsstrategien während der Impfung zu unterwerfen, solange nicht mehr Sicherheitsdaten bezüglich dieser Risikogruppe vorliegen.8
Ein Präparat aus der Schweiz (Triviraten®), dessen Impfviren nicht auf Hühnerei-verwandten Medien gezüchtet werden und der auch Gelatinefrei ist, wurde gelegentlich für schwer Hühnereiallergische Kinder empfohlen. Allerdings ist die schützenden Wirkung des Impfstoffes gegen Mumps möglicherweise geringer und es besteht, da er nicht öffentlich für diese Risikogruppe empfohlen ist, keine Rechtssicherheit bei etwaigem Impfschaden.
Möglicherweise spielen andere Substanzen im Impfstoff, wie Gelatine oder Antibiotika, eine bedeutendere Rolle bei allergischen Impfreaktionen auf MMR.
Höhere Konzentrationen von Hühnereiproteinen als in MMR-Impfstoffen sind in Influenza- und Gelbfieber-Impfstoffen nachgewiesen worden. Deshalb ist ein vorsichtigeres Vorgehen bei Verabreichung dieser Impfstoffe bei schwer Hühnerei-allergischen Kindern gerechtfertigt.8

Allergische Reaktionen auf Gelatine

Gelatine ist in manchen Impfstoffen als Stabilisator enthalten. In Japan scheint ein klarer Zusammenhang von Gelatine und allergischen Schockreaktionen auf Impfung zu bestehen und früher Hühnerei-Spuren in Impfstoffen zugeschriebene Schockreaktionen zu erklären.9
Allergische Sensibilisierung gegen Gelatine kann durch Nahrungsmittel erfolgen, aberdie Epitope von Gelatine-Präparationen können unterschiedlich sein. So kann es vorkommen, dass Gelatine in Nahrungsmitteln, aber nicht im Impfstoff vertragen wird und umgekehrt. Bei bekannter Gelatine-Allergie sollten nach Möglichkeit gelatinefreie Impfstoffe gewählt werden. Allergische Reaktionen auf Antibiotika Antibiotika werden Impfstoffen häufig als Konservierungsmittel zugefügt. Neomycin kann lokale und systemische allergische Reaktionen hervorrufen. Kontaktallergie gegen Neomycin scheint nicht ein Risikofaktor für allergische Schockreaktionen auf Impfung mit Neomycinhaltigen Impfstoffen zu sein.10
Kinder, die eine anaphylaktische Reaktion auf ein bestimmtes Antibiotikum gezeigt haben, sollten nicht mit einem Impfstoff geimpft werden, der das gleiche Antibiotikum enthält.

Allergische Reaktionen auf Impfstoffe, die Aluminium enthaltenAluminiumsalze sind in Impfstoffen weit verbreitet. Aluminium ist weniger ein Problem wegen allergischen Schockreaktionen, sondern wegen Lokalreaktionen.
Intramuskuläre Injektion ist weniger als subkutane Injektion mit der Bildung von Knötchen am Impfort verbunden, die über längere Zeit bestehen bleiben können.

Schlussfolgerung

Da die Durchimpfung mit den für Kinder öffentlich empfohlenen Schutzimpfungen nicht die Entwicklung von allergischen Erkrankungen begünstigt, sollte auch Kindern mit Neurodermitis oder anderen allergischen Erkrankungen ein wirksamer Impfschutz nicht vorenthalten werden.
Alle Kinder, ob allergisch vorbelastet oder nicht, sollten nach der Verabreichung des Impfstoffes noch für eine Weile in der Praxis bleiben, um im Fall einer sehr seltenen aber potentiell lebensbedrohlichen allergischen Schockreaktion schnell helfen zu können. Hühnerei-Allergie ist in der Regel kein Hindernis für die reguläre MMR-Impfung. Dies reflektieren auch die aktuellen öffentlichen Impfempfehlungen.11

Besondere Vorsicht mag Kindern gelten, die schwer anaphylaktisch auf Hühnerei reagiert haben und bei denen die Hühnerei-Allergie noch klinisch bedeutsam ist. Kinder, die auf eine im Impfstoffpräparat enthaltene Substanz in der Vergangenheit schwer allergisch reagiert haben, sollten nach Möglichkeit ein Präparat ohne diese Substanz erhalten. Ist dies nicht möglich und die Impfung angezeigt, sollte unter besonderer Überwachung geimpft werden. Kinder, die bereits auf eine Impfung schwer allergisch reagiert haben, sollten die weiteren Impfdosen mit diesem Impfstoff unter besonderer Überwachung bekommen. Die Identifizierung der schuldigen Substanz im Impfstoffpräparat ist häufig nicht einfach, sollte aber wegen der Bedeutung für nachfolgende Impfungen versucht werden.

Christoph Grüber
Klinik für Pädiatrie m. S.
Pneumologie/Immunologie
Charité – Medizinische Fakultät der
Humboldt Universität










Literatur
1 Alm JS, Swartz J, Lilja G, Scheynius A, Pershagen G. Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. Lancet 1999;353:1485-8.
2 Anderson HR, Poloniecki JD, Strachan DP, Beasley R, Bjorksten B, Asher MI; ISAAC Phase 1 Study Group. Immunization and symptoms of atopic disease
in children: results from the International Study of Asthma and Allergies in Childhood. Am J Public Health 200191:1126-9.
3 Grüber C, Illi S, Lau S, Nickel R, Forster J, Kamin W, Bauer C-P, Wahn V, Wahn U and the MAS-90 Study Group. Transient suppression of atopy in early childhood is associated with high vaccination coverage. Pediatrics 2003;111:e282-e288. URL:
www.pediatrics.org/cgi/content/full/111/3/e282.
4 Nilsson L, Kjellman NI, Björkstén B. Arandomized controlled trial of the effect of pertussis vaccines on atopic disease. Arch Pediatr Adolesc Med 1998;152:734-8.
5 Herz U, Gerhold K, Grüber C, et al. BCG infection suppresses allergic sensitization and development ofincreased airway reactivity in an animal model. J Allergy
Clin Immunol 1998;102:867-74.
6 Grüber C, Kaul KP. Schützen Mykobakterien vor Asthma und Allergie? Monatschr Kinderheilkd 2002;150:1497-1501.
7 Hartmann K, Keller-Stanislawski B. Verdachtsfälle unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) nach Anwendung von Impfstoffen mit attenuierter Masern-Komponente. Eine Übersicht der nationalen Spontanerfassungsdaten 1995-1999. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2001;
44:981-986.
8 Grüber C, Niggemann B.Apractical approach to immunizationinatopicchildren.
Allergy2002;57:472-9.
9 Kelso JM. The gelatin story. J Allergy Clin Immunol 1999;103:200-2.
10 Elliman D, Dhanraj B. Safe MMR vaccination despite neomycin allergy. Lancet, 1991;337:365.
11 Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch Institut, Stand Juli 2002.
Epidemiologisches Bulletin 28/2002:227-242.

Mehr dazu finden Sie auch bei unserem Tipp:
Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission




Seite weiterempfehlen