Psychische Stigmatisierung

10.07.2015„Das gibt sich schon alles mit deiner Hautkrankheit, spätestens nach der 1. Schwangerschaft.“ „Das liegt bestimmt an deinen Zähnen, das mit deinem Hautleiden, deshalb solltest du dir die Zähne am besten ziehen lassen.“ „Du ernährst dich einfach falsch, probier` doch mal aus, das und jenes… wegzulassen.“ „Dein Hautleiden ist doch rein psychisch bedingt… da kann dir nur ein Seelenklempner helfen.“ „Irgendwas machst du falsch, dein Stressmanagement lässt echt zu wünschen übrig. Daran bist du selber schuld.“ „Bei dir muss dieses oder jenes…in der Kindheit vorgefallen sein…“
Als Hautbetroffener einer chronischen Hautkrankheit wie z.B. Vitiligo muss man sich im Laufe seines Lebens eine Menge angeblich kluger und gut gemeinter Ratschläge – wie eben beschrieben – anhören. Doch wie schützt man sich als Betroffener vor solchen Stigmatisierungen bzw. Klischees und Vorurteilen?

Subjektives Schubladendenken


Ein jeder Mensch ist tagtäglich als sein eigner Alltagspsychologe unterwegs. Man sucht nach Orientierung und Halt, um Angst und Unsicherheit zu reduzieren; dabei sind eigene „Alltagsweisheiten“ über das Leben, sich selbst und die Mitmenschen subjektiver Natur. Denn sie beruhen nur auf eigenen subjektiven Erfahrungen, die unzulässig verallgemeinert werden. Diese „Alltagsweisheiten“ sind methodisch nicht systematisch gewonnen und deshalb aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar (vgl. Hobmair „Psychologie“). Ludovico Ariosto sagte treffend: „Der Ungebildete glaubt das, was ihm passt.“ D.h. die sogenannte eigene Menschenkenntnis erweist sich nicht unbedingt als guter Ratgeber im Leben.
Schnell kommt es auf diese Weise zu Klischees über gewisse Sachverhalte und zu Vorurteilen anderen Menschen gegenüber. Im Falle von chronischen Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Rosazea und Vititligo kommt es auf diesem Wege zu Stigmatisierungen und infolge zu Diskriminierungen der Betroffenen.

Belastende Etikettierungen

Unabhängig davon, welche chronische Erkrankung ein Mensch in seinem Rucksack durch sein Leben tragen muss, ihm begegnen viele belastende Etiketten oder Stempelaufdrucke in seiner Umwelt. Man erhält ein Krankheitsetikett, mit dem die Menschen alltagspsychologische und damit unwissenschaftliche, nicht haltbare, subjektive Erkenntnisse verbinden. Oftmals wird dieses Stigma, also diese Zuschreibung, zu einer weiteren Belastung. Denn es kann viele unsachliche Folgen haben. Man wird beispielsweise am Arbeitsplatz diskriminiert, z.B. nach dem Motto „Ihhh, ist das ansteckend?“, in der Freizeit von Aktivitäten fälschlicherweise ausgeschlossen, z.B. „Damit können Sie unmöglich das Schwimmbad besuchen.“, oder von Menschen schlichtweg gemieden. Stigmatisierung und Diskriminierung stehen also in engem Zusammenhang und bedeuten für den Hautbetroffenen neben seiner Hauterkrankung an sich weitere Belastungen. Ben Hecht äußerte diesbezüglich: „Das Vorurteil ist ein Floß, an das sich der schiffbrüchige Geist klammert.“

Stigmatisierungen konstruktiv begegnen

Wie begegnet man solchen unwissenschaftlichen Alltagsweisheiten als Hautbetroffener? Wie schafft man es, andere aufzuklären, ohne sich dabei rechtfertigen zu müssen? Wie schützt man sich selbst vor emotionalen Folgen, sich z.B. ungerecht und mies behandelt zu fühlen? Wie sorgt man gut für sich in Situationen der Stigmatisierung und Diskriminierung, damit die unfairen Aussagen anderer einen selbst gefühlsmäßig nicht herunterziehen?
Piet Hein sagte einmal, Subjektivität bedeute, eine Sonnenuhr mit Hilfe einer Taschenlampe abzulesen. Sich selbst in diesen Situationen zu verdeutlichen, wie unwissenschaftlich Mitmenschen nach Orientierung und „Pseudosicherheit“ im Alltag suchen, kann ein erster Schritt sein. Menschen streben auch immer wieder nach Vergleichen mit anderen, und fühlen sich oftmals besser (wenn auch pseudomäßig), wenn sie sich selbst aufwerten, in- dem sie andere abwerten. Dabei wird deutlich, dass Menschen in dieser Situation kein gesundes Selbstwertgefühl besitzen, denn sonst hätten sie derartige Vergleiche gar nicht nötig. Der Mensch krankt in diesem Falle an einem ungesunden, überzogenen Ego. Man könnte auch sagen, ein gesundes Selbst hat natürliche Bedürfnisse, ein überzogenes Ego stellt übertriebene Ansprüche und Vergleiche. (vgl. Van der Bourg „Das Conscientische Polaritätsmodell)

Ein weiterer Schritt kann es sein, den Menschen, die derartige Alltagsweisheiten äußern, aus einer wissenschaftlichen Haltung heraus zu begegnen und sie mit entsprechenden Gegenfragen wissenschaftlich auszuhebeln: „Wie groß war die Stichprobe, wie wurde sie zusammengestellt, wer hat die Untersuchung finanziert, wo wurde sie veröffentlicht, wer hat sie begutachtet, und konnten die Ergebnisse von einem anderen Forscherteam bestätigt werden?“ (aus Eckart von Hirschhausen „Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist?“) Auf diese Weise verdeutlichen sie, dass wissenschaftliche Befunde repräsentative und damit allgemeingültige Aussagen wiedergeben, die man auch in der Realität überprüfen und methodisch wiederholen kann. Diese Aussagen sind nicht subjektiver Natur, wenn auch andere Forscher zu gleichen Ergebnissen kommen würden, da das Vorgehen methodisch systematischer Natur ist. (vgl. Hobmair „Psychologie“)
Auf diese Weise sorgen Sie auch dafür, dass Sie Ihre eigene Stimmung nicht von den Äußerungen anderer bestimmen lassen. Denn Sie selbst sind für Ihre Stimmung verantwortlich und können entscheiden, ob Sie sich von Alltagsweisheiten anderer „verstimmen“ lassen möchten.
Trotz allem muss man sich als Hautbetroffener klar machen, dass sich Vorurteile hartnäckig halten. Albert Einstein gab entsprechend zu bedenken: „Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil.“ Auf diese Weise schützen Sie sich vor falschen Erwartungen Mitmenschen gegenüber, die weiter an Alltagsweisheiten festhalten.

Gesundheitsgurus

Aber nicht nur von Mitmenschen werden Alltagsweisheiten geäußert, nein, sie begegnen den Hautbetroffenen auch auf der Suche nach Linderungsmöglichkeiten des eigenen Hautleidens. Eckart von Hirschhausen beschreibt in seinem Buch „Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist?“ sogenannte „Prinzipien“, derer sich „Scharlatan, Guru, Weisheitslehrer“ „unglaublich erfolgreich“ bedienen, ohne sich dabei auch nur allzu „lange mit Fakten“ aufzuhalten.
Mit Prinzip 1 „Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande!“ weist von Hirschhausen darauf hin, dass Gurus gern den Kulturkreis wechseln oder fremde bzw. exotische Ideen übernehmen.
Das Prinzip 2 „Neueste Erkenntnisse“ verdeutlicht, dass Gurus ihre angeblichen Weisheiten möglichst derart formulieren, sodass sie keiner verstehen kann.
Nach Prinzip 3 „Uralte Erkenntnisse“ suchen Gurus, altes Wissen „vor dem Aussterben“ zu bewahren.
Mittels Prinzip 4 „Die Schulmedizin lehnt es ab.“ symbolisieren Gurus, „keine Zeit mit aufwendigen Studien, Placebo- und Wartegruppen“ vergeuden zu wollen. Sie handeln nach dem Motto: „Selbst von etwas überzeugt zu sein ist viel überzeugender.“
Schließlich könnte man sich auch Prinzip 5 bedienen: „Die Reichen und Schönen wenden es heimlich schon seit Jahren an.“
Nach Prinzip 6 „Verschiedene Modelle“ wird Gurus empfohlen, unterschiedliche Wege zur Vermarktung ihres Produkts bzw. ihrer Behandlungsweise „auf dem Heilermarkt“, beispielsweise in Form von Vorträgen, Wochenendseminaren o. Ä. zu etablieren.
Und schließlich besagt Prinzip 7: „Wenn das Verfahren nichts bewirkt, ist der Anwender schuld.“ So ist man dann als Guru immer fein raus.

Solche, Jene und Karierte…

Die Prinzipien, derer sich Scharlatane, Gesundheitsgurus und andere angebliche Heiler gerne bedienen, sollen verdeutlichen, wie wichtig es ist, als Hautbetroffener zwischen subjektiven Alltagsweisheiten und wissenschaftlich gewonnenen Befunden zu unterscheiden. Auf dem Gesundheitssektor tummeln sich eben Solche, Jene und Karierte, und der Hautbetroffene trägt für sich selbst die Verantwortung, welchen möglichen Behandlungswegen er nachgeht.
Eine kleine Anekdote zum Abschluss verdeutlicht noch einmal diesen Sachverhalt: In einem  Cartoon stehen zwei, in Forscherkittel gekleidete Personen auf dem Dach eines Hauses. Der eine hält eine Katze in der Luft, auf deren Rücken ein Marmeladenbrot geschnallt ist. Dieser sagt zum anderen, dass Katzen ja immer auf die Beine fallen und Marmeladenbrote immer auf die Marmeladenseite. Es äußert weiter, dass nichts interessanter wäre, als ein Marmeladenbrot auf dem Rücken einer Katze zu befestigen und ein Experiment aus luftiger Höhe zu starten. Der andere entgegnet, dass ihm das Brot leid täte.

Dipl.-Psych. Sonja Dargatz




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