„Balsam für Haut und Seele....“

11.05.2015Die Haut: Mit 1,5 bis 2 qm ist sie das größte Organ unseres Körpers. Haut und Nervensystem werden aus dem gleichen Keimblatt „geboren“. Ist das ein Grund dafür, dass die Haut als Spiegel unserer Seele gilt?
So mancher Dünnhäuter wünscht sich, ein Dickhäuter zu sein. Wenn Konflikte unter die Haut gehen, kann das nämlich direkt zu entzündlichen Prozessen in der Haut führen. Warum das so ist und wie die Psychodermatologie helfen kann, hat Univ.-Prof. Dr. med. Uwe Gieler, kommissarischer Leiter der Hautklinik Gießen, unserer Redakteurin Sonja Kohn erklärt.


Herr Prof. Gieler, warum braucht es heute die Psychodermatologie?


Gieler: Die Psychodermatologie ist inzwischen eine wichtige Subdisziplin der Dermatologie geworden, weil wir immer wieder Menschen sehen, die durch psychische Prozesse, durch Stress, durch Veränderungen mit der Haut Probleme bekommen. Oder die sich stigmatisiert fühlen, weil sie eine Hauterkrankung haben. Die Psychodermatologie geht diesen Problemen nach und ist deshalb ein inzwischen etabliertes Teilgebiet der Dermatologie.

Ist die herkömmliche Dermatologie überhaupt noch zeitgemäß?

Gieler: Natürlich ist die normale Dermatologie zeitgemäß, weil das Fach Dermatologie, also die Beschäftigung mit den Hauterkrankungen, sich dramatisch entwickelt hat und in den letzten Jahrzehnten zu einem sehr modernen Fach geworden ist, was die Immunologie angeht, also die Beschäftigung mit den Abwehrkräften der Haut. Aber es gibt natürlich immer wieder Lücken und die Psychodermatologie gehört dazu, weil in der Alltagsrealität der dermatologischen Versorgung unseres Gesundheitssystems einfach nicht mehr genug Zeit ist, um mit den Menschen, die Beschwerden haben und die an der Haut körperlich erkrankt sind, zu klären, in wie weit auch psychische Probleme vorhanden sind.

Wie differenziere ich psychisch verursachte Hauterkrankungen von psychosomatischen, also multifaktoriell bedingten, Hauterkrankungen?

Gieler: Indem unterschieden werden muss, ob es ursächlich an psychischen Konflikten liegt. Also, ob ich quasi eine Störung, ein persönliches Problem habe und deswegen eine Hautveränderung entwickle – ich sage mal ein Beispiel: Ich habe eigentlich gar keine Hautveränderung, aber ich stehe so unter Spannung, dass ich anfange, mir die Haut einfach aufzukratzen – dann ist das ein psychisches Problem. Umgekehrt kann ich eine Neurodermitis haben, die genetisch bedingt ist, die in meiner Familie vielleicht häufiger vorkommt und die aber mir auch Schwierigkeiten macht – und ich stelle dann doch fest, dass, immer wenn ich in Stresssituationen bin, das Ekzem schlechter wird. Dann haben wir einen multimodalen Zusammenhang und müssen den Stress als Provokationsfaktor einer bestehenden Hauterkrankung ansehen. Auch hierbei wäre eine zusätzlich zur dermatologischen Therapie sinnvolle Psychotherapie zu empfehlen.
 
Welche Konflikte stecken hinter psychisch bedingten Hauterkrankungen, wenn sich beispielsweise die Menschen selbst Verletzungen zufügen?

Gieler:
Das sind in der Regel schon schwerwiegende Konflikte. Wir können nicht davon ausgehen, dass hierbei nur kleine Alltagsprobleme vorhanden sind, sondern das sind in der Regel doch relativ schwerwiegende persönliche Konflikte, die mit der eigenen Entwicklung, mit den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen oder mit Kontakten zu anderen Menschen zu tun haben. Menschen mit traumatischen psychischen Erfahrungen haben beispielsweise sicher sehr schwierige und unglückliche Situationen erlebt, die sie in eine hilflose Situation gebracht haben und die sie selbst nicht steuern oder beeinflussen konnten. Vielleicht in der Kindheit: Jemand wird geschlagen und findet keinen Ausweg und keiner bemerkt das eigentlich richtig. Das sind natürlich Situationen, die bei Selbstverletzungen nicht selten eine Rolle spielen. Hier geht es darum, diese Situationen zu klären und mit sehr viel Feingefühl und Sensibilität daran zu gehen, weil das natürlich auch nicht gerne erzählt wird. Solche Dinge verschweigt man ja lieber, da sie mit Scham besetzt sind.

Spielen solche Konflikte auch bei chronischen Hauterkrankungen eine Rolle? Oder sind es da mehr die „Life-Events“, die eine Rolle spielen?


Gieler: Ja, es sind grundsätzlich zunächst eher die Life-Events. Alle Studien in diesem Gebiet, die wir vorliegen haben, zeigen, dass Lebensereignisse, die massiv sind, wie z. B. Verlust eines Partners oder Umzug, eine Migration in ein anderes Land, dazu führen, dass sich eine bestehende Hauterkrankung verschlechtert. In der Copenhagen City Heart Studie, bei der mehr als 10.000 Menschen über viele Jahre erfasst und untersucht wurden, zeigte sich, dass diejenigen, die entsprechende Stress-Situationen hatten, eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit auf Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis hatten.

Wie kommt es, dass Konflikte und Stress direkt zu entzündlichen Prozessen in der Haut führen können?


Gieler:
Das ist ein ganz spannendes Thema, weil wir natürlich heute immer ganz gespannt sind herauszufinden, wie denn eigentlich die Gefühle und die Emotionen dann in der Haut landen und überhaupt wirksam werden können. Das Stichwort hierzu lautet: Psychoimmunologie. Das heißt also, die Beschäftigung mit den psychischen Reaktionen, die sich dann immunologisch, also die Abwehrkräfte des Körpers betreffenden Zellen und Organisationen, darstellen. Da gibt es sogenannte Nervenbotenstoffe, die Neuropeptide. Und die interessieren uns besonders, weil wir schon eine ganze Reihe von Jahren – also über zehn Jahre – wissen, dass es ganz klare Nervenverbindungen gibt, die bis in die Haut hineinreichen. An den Stellen, wo zum Beispiel Entzündungen der Hauterkrankungen ablaufen – also der Schuppenflechte oder der Nesselsucht, der Urtikaria oder der Neurodermitis – werden diese Neuropeptide aktiv. Durch die direkten und engen Verbindungen der Nervenendigungen in der oberen Hautschicht mit den Entzündungszellen das sind sogenannte dendritische Zellen oder auch Langerhans-Zellen – kommt es zu einer Verstärkung oder Abschwächung der Entzündungsreaktion unter Stresseinfluss.
Und jetzt muss man sich vorstellen, dass natürlich diese Zellen in der Haut auf- und abwandern, wie so eine Polizei, die Streife geht und immer aufpasst: Was passiert da in der Haut, um unsere Abwehr zu gewährleisten? Und jetzt ist sozusagen ein Kontakt mit Nervenendigungen da, der natürlich eine Stimmung, eine Emotion, ein schwerwiegendes Lebensereignis zum Beispiel dann auch in die Haut als Information weitertransportiert. Wir haben zwischen 5 und 40-50 Nervenendigungen pro Quadratzentimeter Haut. Sehr viel eigentlich. Und dabei passieren ständig immunologische Entzündungsprozesse. Wir nennen das in der Wissenschaftssprache „neurogene Entzündung“. Das heißt also, ein Nervenbotenstoff wird jetzt aus diesen Nerven freigesetzt, stimuliert die Abwehrzelle und dadurch wird eine Entzündungsreaktion verstärkt oder möglicherweise sogar ausgelöst.

Die Lebensqualität der Menschen, die an chronisch entzündlichen Hauterkrankungen leiden, ist häufig massiv eingeschränkt. Ich möchte über Tabu-Themen sprechen: Über Entstellung. Leiden chronisch hautkranke Menschen unter Entstellungssymptomatik?


Gieler:
Ja, natürlich, ganz sicher. Das ist auch zunächst einmal völlig nachvollziehbar, wenn man sich vorstellt, man hätte einen Ausschlag, der vielleicht sogar sichtbar ist am Körper oder zumindestens, wenn ich ins Schwimmbad gehen will, sichtbar ist, dann muss ich mir Gedanken machen, ob die anderen das anschauen, ob ich vielleicht angesprochen werde. Und das führt natürlich zwangsläufig dazu, dass Menschen mit einer entsprechenden Hauterkrankung – hier möchte ich vor allem die Schuppenflechte nennen, weil die sehr spezifisch mit Stigmatisierung zu tun hat, aber auch die Weißfleckenkrankheit, die Vitiligo - Stigmatisierungsgefühle entwickeln.

Diese Stigmatisierungsgefühle können schließlich zu einer psychischen Erkrankung führen, die wir soziale Phobie nennen. Der Rückzug aus normalen Alltagssituationen und Alltagsgewohnheiten. Das ist am Beispiel des Schwimmbads durchaus auch nachvollziehbar und verständlich, weil die anderen Menschen ja dann nicht wissen: Ist das vielleicht nicht doch ansteckend? Und dann wird der Bademeister angesprochen und dann wird der Betreffende oder die Betreffende angesprochen. Und der oder dem ist das natürlich dann peinlich und von daher kommt es dann zu einem Wechselmechanismus. Und, wenn ich Menschen, die von einer Schuppenflechte betroffen sind, frage, dann hat jeder von denen eine solche Situation eigentlich schon mehrmals erlebt. Es ist nachvollziehbar, dass man sich dann eher gerne zurückzieht. Die Zahlen sprechen hier Bände: 30 - 40 Prozent der Menschen mit Schuppenflechte ziehen sich zurück. Gehen auch nicht zum Frisör. Das ist schon sehr eindeutig, so dass hier die psychischen Prozesse in der Folge einer Hauterkrankung natürlich ganz wichtig sind.

Ich möchte noch ein bisschen tiefer in die psychischen Prozesse einsteigen. Depressionen als Folge von Hauterkrankungen bis hin zum Suizid, ist das ein Thema?

Gieler: Das ist auch ein Thema. Wir wissen, dass Suizidalität bei Menschen mit Hauterkrankungen häufiger sind. Wir haben gerade in ganz Europa eine Umfrage abgeschlossen im letzten Jahr, wo wir dieses Thema aufgenommen haben. Die Ergebnisse zeigten, dass doch etwa 20 bis 25 Prozent aller Menschen mit chronischen Hauterkrankungen zu einer Depression neigen. Das ist viel mehr als in der normalen Bevölkerung, in der neun bis zehn Prozent an Depressionen leiden. Die Zahlen bei den von Hautkrankheiten Betroffenen ist damit viel höher. Das Risiko, mit einer Hauterkrankung eine Depression zu bekommen, steigt demnach auf das 1,5 bis 11-fache (z. B. bei Beingeschwüren = Ulcus cruris) an. Ebenso ist es mit den Suizidgedanken, also den Gedanken eigentlich mit dieser blöden Hauterkrankung nicht mehr leben zu wollen. Das betrifft auch etwa zwölf Prozent und damit auch deutlich mehr, als in der normalen Bevölkerung bekannt. Auch unsere Kontrollgruppe von Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten aber hautgesund sind, zeigen solche Suizidideen deutlich seltener, aber mit 8 % auch nicht ganz selten! Bei der Frage: „Gibt es die Suizidideen, weil Sie eine Hauterkrankung haben?“ antworten von den Hautkranken immer noch insg. 4 % mit Ja! Es könnte ja auch andere Gründe geben. Das heisst, es sagen immer noch über vier Prozent, dass es nur an der Hauterkrankung liegt, warum sie suizidal sind. Und das sind natürlich genau vier Prozent zuviel! Und in der Praxis sieht es dann so aus, wenn diese Gedanken jede Woche vorkommen oder vielleicht sogar jeden Tag, das bedeutet natürlich absolute Alarmstufe, weil dann etwas vorhanden ist, was sofort auch psychotherapeutisch/psychiatrisch behandelt werden muss.

Welche Chance bietet die Psychodermatologie Menschen mit chronisch entzündlichen Hauterkrankungen?

Gieler: Die Psychodermatologie kann insofern schon mal sehr hilfreich sein, weil sie in der Lage ist, die Prozesse, die psychisch bei Menschen mit Hauterkrankungen vorhanden sind, zu verstehen. Wenn ich etwas besser verstehe, dann kann ich auch besser damit fertig werden oder damit umgehen. Und es ist schon ein großer Unterschied, ob jetzt ein Arzt vor einem sitzt und einfach nur nachschaut, wie die Symptome sind und ein Rezept schreibt und sagt: Das und das müssen Sie machen... Oder ob jemand das auch noch hinterfragt und nachfragen kann und versteht, z. B. die Stigmatisierung versteht, warum die psychische Spannung sich auch in der Haut äußert, das ist dann für viele Menschen durchaus erleichternd, weil sie dann merken, dass sie sich das nicht einbilden, dass sie nicht das Gefühl haben müssen, keiner versteht sie eigentlich, sondern, dass diese Dinge bekannt sind. Das ist schon mal sehr hilfreich. Außerdem ist es natürlich so, dass wir in der Komplexität der heutigen Psychotherapiemethoden und der Psychotherapieforschung ein ganzes Arsenal von Techniken, von Möglichkeiten zur Verfügung haben, die eben psychotherapeutisch angewendet werden können. Angefangen von Entspannungsmethoden. Hier gibt es nicht nur das Autogene Training und die Progressive Muskelentspannung, sondern heute auch Achtsamkeit und Yoga, Pilates als weitere Methoden. Dann in der Psychotherapie gibt es auch sehr gute Entwicklungen zu spezifischen Traumabehandlungen oder zu spezifischen Ansätzen bei der sozialen Phobie, bei der ein manualisiertes Trainingsprogramm im psychodynamischen Sinne entwickelt wurde. Wir haben spezielle Programme für Menschen mit Entstellungsgefühlen, der sogenannten körperdysmorphen Störung. Und wir haben natürlich auch in dem Spektrum, zum Beispiel der Borderlinebehandlung, spezifische Therapieansätze, die erst in den letzen 15 bis 20 Jahren entwickelt wurden und die viel besser greifen, als das vorher der Fall war.

Kann ich, wenn ich die Psychodermatologie in Anspruch nehmen möchte, mit einer Unterstützung der Krankenkassen rechnen?

Gieler: Ja, insofern, als die Psychotherapie in Deutschland ja eine klare Kassenleistung ist, die zwar über ein sogenanntes Antragsverfahren läuft, aber trotzdem eine Kassenleistung bleibt! Jede/r niedergelassene Psychotherapeut/in kennt diese Wege und wird nach einem Erstgespräch die formale Notwendigkeit für einen Gutachter der Krankenkasse schriftlich darstellen. Hier gibt es psychologische Psychotherapeuten, die ebenso mit der Kasse abrechnen können wie auch ärztliche Psychotherapeuten, die Fachärzte sind für Psychosomatik und Psychotherapie oder ein Psychiater, der auch psychotherapeutisch tätig ist. Alle diese Berufsgruppen können, dürfen und müssen bei der Kasse einen Antrag stellen, um eine Psychotherapie durchzuführen. Dann kommen natürlich auch noch die psychosomatischen Rehabilitationskliniken dazu, die auch nicht ganz wenig Betten in Deutschland haben, immerhin über 16.000. Wir haben auch hier vielfältige Möglichkeiten. Das Problem ist eigentlich nur, dass es angesprochen werden muss, dass die Information da sein muss und dass eben dann auch die Anträge gestellt werden müssen.

Kann ich die Psychodermatologie als „Balsam für Haut und Seele“ bezeichnen?

Gieler:
Das habe ich bisher zwar selber noch nicht getan, aber das finde ich eine  gute Idee. Ähnlich wie das ja auch mit Massagen ist, die ja nun ganz konkret die Haut berühren und die ja bekannterweise bei Depressionen durchaus helfen, denke ich, dass die Psychodermatologie tatsächlich ein bißchen Balsam auf der Seele der kranken Haut ist.

Sehr geehrter Herr Professor Gieler, wir danken Ihnen für das Gespräch und für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben!


Buchtipp: Die Sprache der Haut, Uwe Gieler, Patmos Verlag

Unser Gesprächspartner:
Univ. - Prof. Dr. med. Uwe Gieler 
Komm. Leiter der Universitäts-Hautklinik am UKGM Giessen
Rudolf-Buchheim-Straße 8 , 35392 Gießen
Web: http://www.ukgm.de/ugm_2/deu/ugi_pso/index.html
E-Mail: uwe.gieler@psycho.med.uni-giessen.de

Moderatorin:
Sonja Kohn
Heilpraktikerin/Dozentin/Freie Redakteurin/Ein Mitglied der AG Haut.
Peiner Str. 29, 31319 Sehnde, Tel.: 05138 – 61 57 52
www.naturheilpraxis-kohn.de
http://sonjakohn.blogspot.de/
http://psyche-kompakt.blogspot.de/
Jeden 1. Montag im Monat auch als Radiomoderatorin auf Radio Leinehertz 106.5, 17:05 Uhr. www.leinehertz.net/




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