Vergessen gehört auch zum Leben

27.11.2019

i-stock YakobchukOlenaVor einiger Zeit besuchte ich das Hamburger Schauspielhaus und sah das Theaterstück „Probleme, Probleme, Probleme“ von René Pollesch. Ich war gespannt, welche Problemlösungen dieses Stück seinen Zuschauern mit auf den Weg geben würde. Wer die heutigen Theaterstücke von René Pollesch kennt, weiß auch, dass hier keine klassische Geschichte mit lehrreichem Ende dargeboten wird; vielmehr werden Lebensausschnitte von verschiedenen Personen aneinander gereiht und in Teilen erzählt, sodass Zuschauer in ihrem Denken verstört und am Ende des Theaterstücks ohne klassisches Ende mit eigenen Gedanken aus dem Theater entlassen werden. Im Stück selber ging es um verschiedene Erwachsene, die einander mehr oder weniger ihre Probleme berichteten und ebenso nach Lösungen für sich suchten. An einer Stelle philosophierte eine der Personen darüber, was das Leben denn ohne das große Vergessen sei, den genauen Wortlaut erinnere ich jedoch nicht.

Was wäre das Leben ohne das große Vergessen?!

Diese Worte stimmten mich am Ende des Theaterstücks sehr nachdenklich, denn in der Tat kann auch das Vergessen im Leben eine Kernkompetenz darstellen. Erst vor ein paar Tagen habe ich ein Buch gelesen, in dem auf autobiographische Weise schlimmste Hänseleien, Mobbing und Stigmatisierungen von zwei Hautbetroffenen chronischer Hauterkrankungen geschildert wurden. Ein jugendliches Mädchen wurde von Mitschülerinnen malträtiert und ihr langer Pferdeschwanz, ihr ganzer Stolz, abgeschnitten. Ein Junge im Teenageralter wurde von anderen Jungen mit Kot beschmiert. Beim Lesen dieser Grausamkeiten stockte mir der Atem.

Auch aus vielen psychologischen Gesprächen mit erwachsenen Hautbetroffenen von Neurodermitis kenne ich unzählige schwere grenzüberschreitende Situationen, in denen die Hautbetroffenen völlig zu Unrecht wegen ihrer chronischen Hauterkrankung auf das schwerste beschimpft, diffamiert und malträtiert wurden.
Im geschilderten Buch suchen sich die beiden Teenager auf ganz unterschiedliche Weise Hilfe zur Selbsthilfe; die Suche nach echten Freunden wird zum Thema, ebenso die Unterstützung durch Selbsthilfekontakte, Psychotherapie wird begonnen, Mannschaftssport kommt stärkend hinzu, die Familie steht stützend an der Seite, aber vor allem lassen sich die beiden Protagonisten nicht unterkriegen, auch wenn sich das alles anders als leicht gestaltet. Letztlich stehen sie vor der Wahl, ihre schweren Erlebnisse immer wieder gedanklich zu durchleben oder sie eben möglichst gut zu vergessen. Hier kommt also das große Vergessen ins Spiel, nicht der Täter wegen, sondern um sich selbst im Leben zu schützen und den Tätern keine weitere Macht über das eigene weitere Leben einzuräumen. Schwere Erlebnisse zu betrauern und mit anderen vertrauten Menschen zu teilen, macht mehr als Sinn, um Trost und Rückhalt zu erfahren und auch Schutzmöglichkeiten zu finden. Der Junge im Teenageralter beispielsweise wechselt verständlicherweise die Schule und sucht für sich einen Neustart. Beide schaffen es, nicht weiter nach hinten zu blicken, sondern eben nach vorn und damit, ihrem Leben eine weitere Chance zu geben. Das finde ich mehr als bewundernswert.

Den Tätern von Diffamierungen und Stigmatisierungen keine Macht über das eigene weitere Leben geben!

Aber wie geht das eigentlich, einfach vergessen? Aufgrund einer chronischen Hauterkrankung Ausgrenzung und körperliche wie seelische Grenzüberschreitungen zu erleben, steckt keiner mal so eben einfach weg. Johann Wolfgang von Goethe sagte einst: „Aus den Augen aus dem Sinn!“ Aber was heißt das konkret? Ist es nicht auch mehr als menschlich, nach den geschilderten Übergriffen am Leben und an den Menschen zu zweifeln? Ja und Nein. Letztlich möchten wir als Eltern doch auch gerade unsere Kinder vor solchen Erlebnissen schützen. Und trotzdem machen wir alle mehr oder minder im Leben die Erfahrung, dass es solche, jene und karierte Menschen gibt und es an uns liegt, ob wir uns davon im Leben unterkriegen lassen oder uns eben auf die Menschen besinnen, die uns gut tun und uns Unterstützung suchen gegen weitere massive Ungerechtigkeiten.

Vergessen heißt an dieser Stelle nicht, einfach zu vergeben und zu verdrängen, es heißt vielmehr, für das eigene Seelenleben zu sorgen, Erlebnisse zu verarbeiten, ggf. Veränderungen im Leben in die Wege zu leiten und dann nach vorne zu blicken. Denn auch das tägliche Erinnern würde das Unrecht nicht ungeschehen machen. Letztlich gehört dazu, für positive Erlebnisse im heutigen Leben zu sorgen, die mit positiven Erinnerungen negativen entgegen wirken können. Am Ende des Tages lohnt es sich, persönliche Bilanz zu ziehen. Haben wir uns privat mit Menschen umgeben, die uns guttun und denen wir guttun? Haben wir für körperlichen Ausgleich gesorgt? Haben wir etwas Schönes für unsere Seele erlebt? Haben wir ausreichend Zeit unter freiem Himmel und im Hellen verbracht? All dies sind Möglichkeiten, gesunde Selbstfürsorge zu betreiben und negativen Geschehnissen möglichst wenig Raum in der aktuellen Aufmerksamkeit zu geben. Denn letztlich leben wir im Hier und Jetzt.

Am Ende kann man es kaum besser in Worte fassen wie Honoré de Balzac, der einst äußerte: „Die Erinnerungen verschönen das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich!“ Und vielleicht hat auch René Pollesch auf diese Worte Bezug genommen, als er das Stück „Probleme, Probleme, Probleme“ auf die Bühne bringen und sein Publikum anregen wollte über Lösungen, Lösungen, Lösungen nachzudenken. Denn das macht letztlich den Unterschied, ob wir auf Probleme fokussieren, diese immer wieder durchdenken und thematisieren, oder, ob wir auf Lösungen fokussieren, gerade dann, wenn wir die Ursache bzw. Geschehenes nicht verändern können.

Von Dipl.-Psych. Sonja Dargatz
Quelle: Hautfreund. Mitgliedermagazin Deutscher Neurodermitis Bund e.V.





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