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Die „Lebenstüte“ aktiv füllen

29.12.2020

istock AntonioGuillemMit einer chronischen Hauterkrankung wie Neurodermitis im Rucksack durch das Leben zu gehen, bedeutet für die Hautbetroffenen, immer wieder herausfordernde Tage zu erleben, an denen es ihnen - verständlicherweise - mehr als schwer fällt, trotz ihrer Hauterkrankung das Leben genießen zu können. „Ach, wenn doch nur meine Haut wieder besser wäre, wenn sie nicht so unendlich jucken würde oder so gerötet wäre..., dann wäre mein Tag und mein Leben auch gleich viel besser!" Und so gibt man dem hautbelasteten Tag viel zu viel Raum im wertvollen Hier und Jetzt. Das Leben wird auf zukünftige Tage verschoben, an denen die Haut hoffentlich besser ist. Die Haut schmerzt, juckt, nässt, brennt, schlägt aus..., all diese Hautempfindungen verdeutlichen, wie unwohl man sich in seiner eigenen Haut mit Neurodermitis fühlen kann. Und trotzdem können Hautbetroffene eben dieser und ihrer Haut nicht entfliehen. Wie schafft man es also, diesen Empfindungen zum Trotz dem eigenen Leben mehr Leben zu geben, und zwar im Hier und Jetzt?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, möchte ich Ihnen von einer Geschichte aus dem Buch „Therapie-Tools Achtsamkeit" von Susanne Schug erzählen. Die Geschichte „Das rosa Tütchen", dessen Verfasser unbekannt ist, handelt von einem Erwachsenen, der traurig auf einer Parkbank über sein Leben und seine auch gesundheitlichen Probleme nachdenkt; dieser „weiß nicht, wie es weitergehen soll". In dieser Lebenskrise begegnet ihm ein Mädchen, das ihn nach seinem „rosa Tütchen" fragt. Der traurige Erwachsene antwortet dieser hilflos und resignierend, „nur ein schwarzes Tütchen" zu haben, in dem sich neben vielen anderen vergangenen unschönen Dingen eben auch seine gesundheitlichen Probleme befinden würden. Das Mädchen hingegen eröffnet ihm ihr „rosa Tütchen" und darin ihre „Erinnerungen an schöne Momente". Der Erwachsene erkundigt sich bei dem Mädchen, wo sie ihr „schwarzes Tütchen" gelassen habe, und erhält die verblüffende Antwort, dass sie dieses „jede Woche" entsorgen würde. Das Mädchen erklärt ihm, „den Sinn" ihres Lebens darin zu sehen, dass eigene „rosa Tütchen" im Leben zu füllen, um davon in traurigen Situationen oder an herausfordernden Tagen zehren zu können und im Alter auf ein prall gefülltes und sinnvolles Leben zurückblicken zu können. Während der Erwachsene noch über die weisen Worte des Mädchens nachdenkt, verabschiedet sich diese mit einem „Kuss auf die Wange" und hinterlässt ihm ein „rosa Tütchen". Als er hineinschaut, findet er in der noch kaum gefüllten Tüte ihr Abschiedsküsschen und damit noch ganz viel Platz, sein neues „rosa Tütchen" zu füllen. Noch auf dem Weg nach Hause entsorgt der Erwachsene sein „schwarzes Tütchen" und spürt neuen Lebensmut.

Den Tag zu umarmen und das Beste aus ihm zu machen, ist eine bewusste Entscheidung!

Diese zauberhafte Geschichte zeigt uns einmal mehr, dass wir alle - ganz gleich welche Belastungen sich in unserem „schwarzen Tütchen" aktuell befinden - jeden Tag vor die Entscheidung gestellt werden, unseren Tag zu umarmen. Damit haben wir selbst die Chance, unserem Leben mehr Leben zu geben, sodass sich unser jeder „rosa Tütchen" füllt. Wir entscheiden uns damit bewusst dagegen, den Tag mit sinnlosen Grübeleien an vergangene oder aktuell nicht zu ändernde unschöne Dinge zu vergeuden.

Wir alle haben also stets ein „rosa Tütchen" und ein „schwarzes Tütchen" dabei. Das Mädchen in der Geschichte erinnert den traurigen Erwachsenen und auch uns daran, für die nötige eigene Seelenhygiene zu sorgen und jede Woche das „schwarze Tütchen" zu entsorgen. Sie erinnert uns einmal mehr daran, sich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren und damit auf die Möglichkeiten, die vor uns liegen.
Natürlich kann ein „rosa Tütchen" eine chronische Hauterkrankung wie Neurodermitis nicht zum Verschwinden bringen, aber mithilfe des „rosa Tütchens" können Hautbetroffene lernen, Gegengewichte zu schaffen, um gerade an hautbelasteten Tagen nicht den Kopf hängen zu lassen und ins „schwarze Tütchen" zu blicken. Vielmehr hilft es an diesen Tagen, von Erinnerungen zu zehren, die Hoffnung aufkommen lassen, dass auch wieder weniger hautbelastete Tage kommen werden und damit Möglichkeiten, den Dingen im Alltag nach zu gehen, die einem selbst Freude und damit Erinnerungen schenken und das „rosa Tütchen" füllen. Was das sein könnte, ist dabei ganz individuell. Letztlich sind es genau die Dinge, für die man neben Beruf und alltäglichen Verpflichtungen noch Platz findet und die uns unbeschwerte und damit hautvergessene Stunden bereiten können. Und so brachte es auch Dietrich Bonhoeffer einst treffend auf den Punkt: „Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude."

Quelle:
Susanne Schug, Therapie-Tools Achtsamkeit, Beltz, Weinheim 2016

Autorin
Dipl.-Psychologin Sonja Dargatz





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